Professor Sinn entfernt sich vom „Geld drucken“ – Ein Lichtblick oder doch nicht?


Eine nicht normative Ökonomie ist kaum vorstellbar. Umso bedachter sollten sich Volkswirte ausdrücken, damit sich jeder Bürger ein möglichst ungefärbtes, aber dennoch fundiertes Bild von der Ökonomie machen kann. Denn für jeden von uns ist die Entwicklung der Wirtschaft von großer Bedeutung. Ökonomische Entwicklungen haben Einfluss auf unser heutiges Einkommen und den Erfolg von Sparvorgängen.

Einerseits wird „Wirtschaft“ verständlicher, wenn man bildhaft spricht (oder schreibt), anderseits wecken Bilder auch leicht Assoziationen die in die Irre führen können. Eine der in meinen Augen schlimmsten Bilder wird durch den Begriff „Geld drucken“ erzeugt.

„Geld drucken“ ruft bei vielen Bürger die Befürchtung hervor, dass Geld ohne Einschränkungen und ohne das diesem etwas entgegen steht,  tatsächlich einfach dadurch geschaffen wird, dass im fast wörtlichen Sinne nur eine Druckermaschine angeworfen werden müsste. Dem ist aber nicht so, denn Geld entsteht durch Kreditvergabe, sei es eine Kreditvergabe von der EZB (europäische Zentralbank) an die Geschäftsbanken oder eine Geldschöpfung der Geschäftsbanken an ihre Kunden. Einem Kredit steht aber immer eine Forderung gegenüber, also ein Anspruch auf Rückzahlung.  Der Begriff „Geld drucken“ für sich allein gesehen zeigt dies aber nicht auf. Nur bedrucktes Papier und dies ohne weitere Ansprüche, zum Beispiel den Anspruch es in Gold zu tauschen oder eben den Anspruch einer Forderung aus Kredit, wäre in der Tat bedenklich.

Aber offensichtlich eignet sich der Begriff „Geld drucken“ besser, um gewollt (?) Krisenstimmung hervorzurufen und/oder um im Gespräch zu bleiben, ganz nach dem Motto: Bad news sells better than good news. Korrelationen sind immer bedenklich, aber in gewisser Art und Weise (also nicht streng wissenschaftlich) zeigt dies eine Ergebnissuche auf Google:29052016g1

Prof. Sinn, Hochschullehrer und ehemaliger Präsident des ifo-Instituts, ist neben so bekannten Crash-Propheten wie Dirk Müller und Max Otte, eine der Personen, die bei der Google-Suchkombination von deren Name und  „Geld drucken“ sehr häufig angezeigt wird:

29052016g2

Aber es gibt einen Lichtblick

In der Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit finden sich nuanciertere Töne.  Zunächst einmal spricht Prof Sinn von

„… (elektronischen) Druckerpressen …“. (1)

Zumindest mich hat dieser erläuternde, wenn auch kleiner Hinweis, neugierig gemacht. Und es folgt sogar ein Hinweis darauf, dass Geldschöpfung etwas mit Kreditvergabe zu tun hat:

„Dabei erhielten sie nicht, wie es sonst bei der Geldschöpfung üblich ist, Forderungen gegen das heimische Bankensystem, …“ (2)

Weil Vorurteile niemals gut sind, war ich bereit mein Urteil hinsichtlich meiner Assoziation von Prof. Sinn und dem irreführenden Begriff „Geld drucken“ zu revidieren. War ich nicht nur, bin ich jetzt auch  🙂 . Und man sollte bei der von mir häufig vorgenommenen Eingrenzung von Prof. Sinn und „Geld drucken“ natürlich nicht übersehen, dass Herr Sinn anderweitig durchaus sehr respektable Forschungsarbeit geleistet hat.

Oder doch kein Lichtblick?

Es bleibt das Thema „normativer Aussagen“ in der Ökonomie und hier findet Herr Prof. Sinn immer wieder Wege, um Verknüpfungen zwischen wissenschaftlicher (immer wissenschaftlicher?) Einzelaussagen und seiner Weltsicht – Weltsicht ist normativ – herzustellen. Einen etwas komplizierteren Sachverhalt habe ich in diesem Beitrag einmal hier beschrieben: „Seltsame“ Berechnungsergebnisse des Ifo Instituts zu den Kosten der Griechenlandhilfe -Sinnhaft?

Aber es wird auch einfacher erkennbar. Und zwar in dem besagten Artikel in Der Zeit:

„Hätte die deutsche Volkswirtschaft für ihr Nettoauslandsvermögen seit 2008 noch die gleiche Verzinsung erzielt wie im Jahr 2007, so hätte es bis Ende 2015 per Saldo (einschließlich des deutschen Staates, der von niedrigen Zinsen profitiert) um 326 Milliarden Euro mehr an Kapitaleinkommen im Ausland verdient ..“ (2)

Eine solche Aussage mag zwar rechnerisch richtig sein, nur scheint sie mir mit der Realität in der Wirtschaft nichts zu tun haben. Ökonomie ist nicht monokausal! Man könnte ebenso gut (monokausal) fragen, wie Deutschland bei dem gleichen Zinsniveau im Jahre 2008 seine Banken hätte retten können. Man könnte und müsste ebenso fragen, ob dann in den Krisenstaaten Europas deren Schulden noch zu bedienen gewesen wären. Und wenn nein, welche Kreditausfälle die deutschen (und andere) Banken und Versicherungen zu verkraften hätten? Mir ist klar, dass diese 2 Fragen natürlich nicht ausreichen, aber sie sollen auch nur andeuten, dass eindeutige lineare Argumentationen in der Ökonomie nur wohl sehr selten einen Sachverhalt richtig darstellen.


Diesen Beitrag ordne ich der Rubrik Alte Welt zu. Dies in der Hoffnung auf zukünftig objektivere nicht normative Aussagen.  Ganz ohne normative Aussage geht es wohl nicht, ausgewogener aber schon.  Ihr Wolfgang Gierls


(1)+(2) Beide Zitate aus: Zeit-Online, Enthemmte Geldpolitik, 5.Mai 2016

2 Gedanken zu “Professor Sinn entfernt sich vom „Geld drucken“ – Ein Lichtblick oder doch nicht?

  1. Hallo,

    Zitat: „…natürlich nicht übersehen, dass Herr Sinn anderweitig durchaus sehr respektable Forschungsarbeit geleistet hat.“

    Nun ja – DAS ist aber schon SEHR lange her. In den letzten beiden Jahrzehnten ist dieser „Professor“ eher durch Talkshow-Gequatsche und skurrile Ideen aufgefallen – die „Theorie“ von der Basarökonomie beispielsweise, aber auch die Target-2-Salden waren so ein Klops, die seine Ahnungslosigkeit deutlich vor Augen führen konnten. Und wer jetzt den IFO-Index anführt, möge sich die Vorhersageinstrumente amerikanischer Landes-Zentralbanken ansehen, danach möchte man über IFO nicht einmal mehr lachen.

    Grüße,

    Hardy

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