Hundertwasser, Ökonomie und evolutionäre Anlagenstrategien


Wie erklären Ökonomen die Welt? Auf jeden Fall heutzutage schon etwas besser als dies zu den Anfängen der Ökonomie als Wissenschaft der Fall war. Denn zunächst erklärte man die Wirtschaft noch durch das Handeln von rational agierenden Menschen, die klar und logisch ihre wirtschaftlichen Entscheidungen so trafen, dass sie ihren Nutzen maximierten. Noch mehr aber war die alte Ökonomie dadurch gekennzeichnet, dass sie sich in ihren Ursprüngen an der klassischen durch Newton begründete Physik orientierte. Möglicherweise lag  die Intention dieser Orientierung in dem Wunsch als ernsthafte Wissenschaft anerkannt zu werden und ebenso wie die Physik Naturgesetze für die Welt des Wirtschaftens und Handels zu entdecken. Allerdings, wenn man sich heute einige Aussagen von Ökonomen mit deren Anspruch, die einzig richtigen Erklärungsansätze und Handlungsanweisungen für die Politik zu liefern, anschaut, ist man manchmal versucht zu glauben, dass diese Ökonomen immer noch an die Gültigkeit von Naturgesetzen für die Ökonomie – wie in der Physik –  glauben.

Zur Zeit Newtons und zur späteren Zeit von Adam Smith, der als einer der Begründer der Ökonomie gilt, war ein wesentliches Merkmal der Physik, dass eindeutige Ursachen zu eindeutigen Wirkungen führen. Heute weiß man aus der Quantenphysik, dass dies nicht auf jeder Ebene der Fall ist. Ob man dies wohl auch in der EZB weiß?

Gehen wir aber noch einmal einen Schritt zurück. Würde man den Begriff „Natur“ nur weit genug fassen, nun dann wäre es schon richtig, dass die Ökonomie nach Naturgesetzen sucht, denn Naturwissenschaften sind nicht nur Wissenschaften der unbelebten Natur, wie die Physik, sondern auch der belebten Natur, wie zum Beispiel der Biologie (1).

Nun man muss man Adam Smith zugute halte, dass Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, erst gut hundert Jahre später seine Theorie veröffentlichte und daher eine Orientierung an der Physik als Naturwissenschaft durchaus eine Berechtigung hatte. Dennoch für alle nachfolgenden Ökonomen hätte seit 1859, dem Datum der Veröffentlichung von On the Orign of Species (Über die Entstehung der Arten), wäre ein gelegentlicher Blick auf eine weitere Naturwissenschaft neben der Physik, der Biologie rückschauend doch hilfreich gewesen. Denn in der Ökonomie geht es um die „belebte“ Natur.

Heute sind wir weiter, denn die Erkenntnisse der Evolutionstheorie finden Einzug in die Ökonomie. Und folgerichtig wäre es, die Erkenntnisse würden auch Einzug in die Anlageberatung finden.

Warum dies so wichtig ist? Dazu ein mehr wissenschaftliches Zitat und ein aktuelles praktisches Beispiel.

Wissenschaftliches Zitat:

Das wissenschaftliche Zitat stammt von Christopher G. Langton, Computerwissenschaftler und Gastprofessor am Santa Fe Institute:

„Die Physik war zum größten Teil die Wissenschaft des Notwendigen: sie hat die grundlegenden Naturgesetze aufgedeckt und festgestellt, was angesichts dieser Gesetze richtig sein muss. Die Biologie dagegen ist die Wissenschaft des Möglichen: Ihr Gegenstand sind Vorgänge, die unter Voraussetzungen der Gesetze möglich, aber nicht notwendig sind. …… Die Vergangenheit gehört der Physik, die Zukunft der Biologie.“ (2)

An das „Mögliche“ denken, ist sicher ein ganz entscheidender Hinweis für jede Geldanlageentscheidung. Etwas einfacher (aber dies wäre falsch formuliert) könnte man heute mit Blick auf die Finanzwelt sagen, man müsse sogar das „Unmögliche“  denken, wie zum Beispiel den Fastzusammenbruch des Finanzsystems in 2008.

Natürlich war (und ist) ein Zusammenbruch des Finanzsystems und/oder der Banken nicht unmöglich (deswegen ist die Formulierung, man müsse das Unmögliche denken, falsch). Man hat dies nur als unmöglich erachtet, weil es eben lange nicht geschehen war. Hier waren Korrelationen im Spiel: Man konnte feststellen /beobachten, dass man immer, wenn man zum Kassenschalter  der Bank ging, Geld abheben  konnte (wenn das Konto gedeckt war). Eine sehr praktische, das Leben sehr vereinfachende Korrelation.

Nichts gegen das Beobachten von Korrelationen, denn diese bzw. das Beobachten bilden fast immer zuerst ein Ansatzpunkt für Erkenntnisse der Wissenschaften.  Aber ein Naturgesetz kann nur formuliert werden, wenn Kausalitäten hinter den Korrelationen entdeckt werden.

Kommen wir in der Ökonomie und auch Sie bei Ihren persönlichen Geldanlagen mit dieser Feststellung weiter?

Praktisches Beispiel:

Betrachten wir dazu (jetzt das praktische Beispiel) eine Meldung aus Börse Aktuell. Der Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim, Dr. Martin Moryson, stellt fest:

„Der Welthandel lahmt seit einiger Zeit. Inzwischen wächst er langsamer als die globale Wirtschaft – historisch betrachtet eine Anomalie.“ (3)

Von 1980 bis 1989 wuchs der Welthandel um etwa 1/3 stärker als des Welt-BIP, von 1990 bis 2007 sogar fast doppelt so stark. Inzwischen ist die Wachstumsrate des Welthandels aber geringer als das Weltwirtschaftswachstum. Wir hatten hier eine Korrelation, die man durchaus seinen Anlageentscheidungen zugrunde legen konnte. Denn es wurde nicht nur ein Zusammenhang aufgezeigt, dieser war auch kausal zu erklären.  Ursache für die höhere Wachstumsrate des Welthandels war die unter anderem sehr arbeitsteilige Produktion über Ländergrenzen hinweg.

Warum gilt dies nicht mehr? Den Hauptgrund sieht Moryson darin, dass China sich inzwischen gewandelt hat: „China hat sich weiter entwickelt und kann einen größeren Teil der Wertschöpfungskette selbst abdecken. Es benötigt also weniger (importierte) Vorleistungsprodukte als in der Vergangenheit.“ (3)

Reichte es also doch nicht aus, dass eine Beobachtung von Korrelation sich kausal erklären lässt, um daraus fundierte wirtschaftliche Aussagen zu treffen?

Offensichtlich nicht, wie das vorgenannte Beispiel zeigt. Denn,

auch wenn Korrelationen durch Kausalitäten erklärt werden können, gibt es keine Prognosesicherheit in der Ökonomie, nämlich dann nicht, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.

In dem vorgenannten Beispiel des Zusammenhangs von Welthandelswachstum und Weltwirtschaftswachstum haben sich die Rahmenbedingungen (Chinas Wandel in der eigenen Produktionsfähigkeit höherwertiger Güter) mit weltweiten Auswirkungen geändert.

An dieser Stelle erhalten wir den ersten Hinweis, dass auch die Ökonomie von den Erkenntnissen der Evolutionstheorie profitieren kann. Denn wesentlich für den evolutionären Erfolg/ das Überleben ist die Anpassungsfähigkeit einer Spezies an die sich ändernde Umwelt oder somit eben an die Rahmenbedingungen.  Eine Ökonomie, die mehr und besser erklären will, darf also keine starren und eindeutigen Erklärungen bieten. Und wenn die Ökonomie aufdeckt, dass Korrelationen mit Kausalitäten einhergehen, so ist dies keinesfalls geradlinig in die Zukunft fortzuschreiben. Hier könnten auch einige ökonomischen Prognostiker einmal auf den Künstler Friedensreich Hundertwasser hören:

„Die gerade Linie ist gottlos. Die gerade Linie ist die einzige unschöpferische Linie.“ (4)

Was folgt daraus für individuelle Anlagestrategien?

Thorsten Hens, Professor an der Universität Zürich, liefert einen Hinweis auf evolutionäre Anlagestrategien wie folgt:

„Die evolutionäre Finanzmarkttheorie begreift den Finanzmarkt als Wettbewerb von Anlagestrategien. Diese kämpfen um das Kapital. Wo ein Gewinner ist, gibt es auch einen Verlierer. Die evolutionäre Finanzmarktforschung ist die einzige, die neben den Risikoprämien andere Renditequellen berücksichtigt, welche sich aus dynamischen Interaktionen wie dem Verhalten in Crash-Phasen ergeben. „(5)

Fazit:

Achten Sie bei diesem Zitat darauf, dass es um einen Wettbewerb von Anlagestrategien geht. Es geht also nicht darum, ob zum Beispiel Aktien immer die beste Anlageform darstellen, sondern wie und wann man zum Beispiel Aktien in welchem Umfang in seiner persönlichen Anlagestrategie berücksichtigt. Wenn es aber nicht nur um einzelne Anlageklassen geht, sondern um die Vorgehensweise bei der Zusammenstellung des Depots, und wenn sich ändernde Rahmenbedingungen eine Auswirkung auf den Erfolg im Wettbewerb der Anlagestrategien haben werden, sind doch viele üblicherweise zu findenden Anlageempfehlungen zum Beispiel in Hinblick auf den Aufbau einer Altersversorgung in Frage zu stellen. Jedenfalls gilt nicht automatisch, dass historisch erfolgreiche Strategien auch für alle Zukunft Erfolg bieten. Gefragt ist eher ein dynamisch, nicht zu langfristig bindendes Bündel unterschiedlicher Anlagestrategien.  Flexibilität, in Frage stellen und eine Diversifikation von Strategien (niemand weiß vorab, welches die einzig sichere Strategie ist) bilden das Grundkonzept von evolutionären Anlagestrategien.


(1) Definition nach Wikepedia

(2) Christopher G. Langton, Computerwissenschaftler und Gastprofessor am Santa Fe Institute, in John Brockman: Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft, btb 1996, S.496

(3 ) Börse Aktuell: Der Welthandel lahmt

(4)  Hundertwasser: Gedanken und Zitate

(5) Neue Zürcher Zeitung: Spekulieren wie die Schweizerische Nationalbank

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