Über die leichtfertige Verwendung des Begriffs Zufall (in der Ökonomie und bei der Geldanlage)


Also vorweg möchte ich feststellen, damit keine falschen Schlüsse entstehen, dass ich diesen im Folgenden genannten Blog, wie so viele andere Blogs über Wirtschaft und Finanzen häufig interessanter und fundierter finde als die klassischen Finanzzeitschriften.

Dennoch, möchte ich diesen Beitrag von Thomas Fricke auf seinem Blog Wirtschaftswunder  zum Anlass nehmen, um für ein etwas weitergehendes Denken in der Ökonomie und bei der privaten Finanzanlageplanung zu plädieren. Interessant ist der Artikel: „Frickes Welt – Angela und das Sommermärchen“ (1). Nimmt er doch das Thema der gesunkenen Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik als Aufhänger, um auf möglicherweise falsche Korrelationen hinzuweisen. Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin und vor zehn Jahren begann auch hier in Deutschland die Arbeitslosigkeit stark zu sinken. Hierzu bietet Thomas Fricke drei Erklärungsansätze an:

  1. Die Politik von Frau Merkel erklärt, dass der Aufschwung immer noch da.
  2. Das langjährige Jobwunder erklärt, warum die Kanzlerin noch da ist.
  3. Drittens beides ist Zufall.

Gut formuliert und wahrscheinlich auch überspitzt formuliert! Dennoch, die dritte genannte Option, der Zufall, lässt mich etwas aufhorchen. Zufall ist zwar ein gern gebrauchter Begriff, aber auch ein sehr „unsauberer“ Begriff. Allzu leicht packen wir unter dem Begriff Zufall all das, was wir nicht erklären können. Wobei schon die Aussage „nicht erklären können“ eigentlich ergänzt werden müsste: Was wir aktuell nicht erklären können.

Lassen Sie uns, obwohl dieser Blog ein ökonomischer Blog ist und Thomas Fricke ein ökonomisches Thema behandelt, den Begriff Zufall zunächst einmal aus philosophischer Sicht betrachten. In dem Buch „Philosophen des 20. Jahrhunderts“ von Regine Munz heißt es, das es nur vier Möglichkeiten eines logischen Urteils gibt (2):

  • Notwendigkeit
  • Möglichkeit
  • Unmöglichkeit
  • Kontingenz

Sehr wahrscheinlich wird sich eine Abnahme oder Zunahme der Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft kausal erklären lassen. Diese Erklärung würde einem logischen Urteil entsprechen, das auf der Notwendigkeit basiert. Denn wäre eine Zunahme oder Abnahme von Arbeitslosigkeit nicht determiniert (bestimmt durch gewisse vorausgehende Ereignisse oder Handlungen), so könnten wir uns alle wirtschaftspolitische Maßnahmen schenken. (Was kein Beweis ist, ich weiß 🙂 ) Aber auch die Begriffe „Möglichkeit“ oder „Unmöglichkeit“ als Erklärung zu dem von Fricke genannten Sachverhalt, würde noch nicht auf Zufall – jedenfalls in dem Sinne, wie wir den Begriff intuitiv verstehen, hindeuten.  Kontingenz trifft am ehesten das, was Zufall ist. Jedenfalls dann, wenn wir den Begriff Kontingenz auf das „Nicht-Bestimmbare“ reduzieren (3).

Bestimmtheit und Kausalität ist aber nicht nur eine Grundvoraussetzung für die Ökonomie sondern für alle anderen Wissenschaften auch. Nur wenn wir uns auf die Ebene der Quantenphysik begeben, und von hier aus alle Bestimmtheit ableiten wollten, so könnten wir von einer zufälligen Bedingtheit sprechen. Wir sollten uns also sehr bedacht verhalten, bevor wir im Zusammenhang mit der Ökonomie und den Geldanlagestrategien den Begriff Zufall verwenden.

An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass diese Ausführung keineswegs als Kritik an dem durchaus lesenswerten Beitrag von Thomas Fricke zu verstehen ist.

Nur, weder Ökonomen, die uns mit ihren Theorien die Wirtschaft erklären, noch der private Anleger sollten es sich nicht zu einfach mit dem Begriff Zufall machen.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ganz praktisch werden.

Im Bereich der Kapitalanlagen, hier speziell der Erklärungen der Aktienkursentwicklungen, gibt es die sogenannte Random-Walk-Hypothese. Danach verhält sich die Aktienkursentwicklung zufallsbedingt. Stößt eine private Anleger auf diese These und googelt, so findet er relativ schnell auf der Seite des Gabler Wirtschaftslexikon die Aussage, diese These sei für die großen amerikanischen Börsen empirisch gut bestätigt .(4) Vorsichtig, man sollte nicht immer nur die ersten Suchergebnisse bei Google lesen 🙂

Denn dem widerspricht  die Forschungsarbeit der beiden MIT-Professoren Andy Lo und Craig MacKinlay, die 1986 erstmalig auf einer Konferenz behaupteten, sie könnten beweisen, dass Aktienmärkte keine Zufallsbewegung vollführen. Eric D. Beinhoker führt in seinem Buch „Die Entstehung des Wohlstand“ aus: „Aber in den nachfolgenden Jahren wiederholten sich ihre Ergebnisse, die Programmierung erwies sich als sauber und die Schlussfolgerung als gerechtfertigt.“ (5) Was die beiden Professoren genau entdeckt hatten waren zwei Muster in der Aktienkursentwicklung, welche mit der Random-Walk-Hypothese nicht über einstimmen konnten. Allerdings, man muss hinzufügen, sie haben nicht entdeckt, wie man damit Geld verdienen kann.

Der letzte Satz sollte durch das Wort „noch“ ergänzt werden. Noch nicht ist also bekannt, wie sich mit der Erkenntnis, dass Aktienkurse keinem Zufall folgen, im Hinblick auf die persönliche Finanzplanung sinnvoll umzugehen ist.

Dennoch wird der Anleger immer wieder Aussagen finden, dass es schon heute fundierte langfristig orientierte Konzepte gibt, um den Finanzsektor ertragreich anzulegen. In dieser Kategorie könnten zum Beispiel die Aussagen gehören:

  • Langfristig rentieren sich die Aktien immer
  • Niemand kann den Markt schlagen, also macht es Sinn in den Index zu investieren

Empirisch mögen diese Aussagen bis jetzt (!) erwiesen sein. Aber sind diese Aussagen in einem strengen Sinne bewiesen?  Rückblickend  – ex post -will ich dem nicht pauschal widersprechen. Im Hinblick auf die Zukunft – ex ante – sollte man aber doch Vorsicht walten lassen. Könnten sich diese Aussagen nicht in Zukunft bei einer genaueren Betrachtungsweise ebenso als falsch erweisen, wie dies mit der Random Walk Hypothese geschah?

Wenn ich mit dieser Aussage Recht behalte, so gewinnt nicht nur die Diversifikation an Bedeutung, sondern auch die zeitliche Festlegung einer Anlagestrategie. Was bedeutet, dass die langfristige Festlegung auf eine nach heutigen Erkenntnissen erwiesenen (nicht bewiesenen) Anlagestrategie zu einem nicht gewünschten Ergebnis führen kann. In diesem Sinne kann die Zukunft der Feind von vermeintlich fundierten heutigen Erkenntnissen sein.

Ich ordne diesem Artikel in die Rubrik Alte Welt der Finanzen und Ökonomie ein, weil wir allzu leicht Zufall als einen Wort für etwas verwenden, was wir heute noch nicht verstehen, aber morgen verstehen werden können. In einer Neuen Welt der Ökonomie und Finanzen, sollte eine solche Fehlinterpretation nicht mehr erfolgen.


 

1 Thomas Fricke , Blog Wirtschaftswunder, Angela und das Sommermärchen

2 Regina Munz, Philosophinnen des 20. Jahrhunderts, 2004, S.15

3 Unter Kontingenz wird auch das Schwer-Bestimmbare und das Nicht-Präzise-Bestimmbare erfasst.

4 Gabler Wirtschaftslexikon: Definition Random-Walk-Hypothese

5 Eric D. Beinhoker, Die Entstehung des Wohlstands, 2007, S. 408

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