Machen Schuldenphobie und Vermögenspreizung das Internet der Dinge zur letzten Innovation?


Da haben wir einmal eine positive Meldung in einer amerikanischen Zeitschrift (1): Für das Internet der Dinge wird für die nächsten fünf Jahre ein jährliches Wachstum von 67 % erwartet. Bei diesem Internet der Dinge geht es im Wesentlichen um smarte Technologien und Vernetzung der elektrischen Geräte im Haushalt. Es sei jetzt dahingestellt, ob man so etwas braucht. Aber dies ist immer eine typische Frage, wenn ein technologischer Wandel ansteht. (In früheren Zeiten wurde sicherlich auch die Frage gestellt, ob man überhaupt  eine Eisenbahn brauche.) Fazit: Es gibt Wachstumsfelder und zumindest kurzfristig aktuell ist dies genau das, was in der aktuellen Lage gewünscht und nötig ist.

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051014tBesagte Meldung habe ich getwittert und daraufhin gab es einige Antworten zu dem Tweet, die einen guten Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen bieten:

Die erste positive Resonanz begrüßte, dass durch das Internet der Dinge ein produktives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum entstehe. Allerdings war  diese Antwort mit einem Seitenhieb auf die EZB versehen. Die Vorgehensweise der europäischen Zentralbank dagegen sei nicht produktiv, weil sie Schrottanleihen kaufe.

Mit den Schrottanleihen sind verbriefte Kreditforderungen der Banken gemeint, die durch die EZB aufgekauft werden. (Ob dabei die von der EZB gekauften Papiere tatsächlich Schrott sind, lasse ich hier einmal offen.)

Zwei andere Punkte sind anzumerken:

  1. Produktives Wachstum entsteht nicht allein durch Ingenieurskünste.
  2. Und es ist nicht zu vermuten, dass die EZB eine Politik betreibt, die den Euro absichtlich zerstören soll

Zum Thema Wachstum:

Das Thema war um genau zu sein produktives Wachstum. Wobei das Internet der Dinge nicht nur ein rein produktives Wachstum darstellt, sondern ein produktives Wachstum, welches auf echte Innovationen basiert. Die Voraussetzungen hierfür sind: Zuerst kommt die Idee, und dann kommen die Ingenieure. Aber auch dann haben wir bestenfalls ein neues Produkt und es ist noch ungewiss, ob dieses Produkt wirtschaftliche Erfolge bringt. Dazu bedarf es der Vermarktung. Hier kommt die Globalisierung ins Spiel. Die höchsten Wachstumseffekte und Gewinne werden erreicht, wenn Produkte in sehr großem Umfang hergestellt und  verkauft  werden. Dies ist ein Thema der Skalierung und des Marketings. Kein Produkt verkauft sich allein deshalb, weil es gut ist. Die Marketingkosten  bei einem Produkt mit weltweitem Absatzerfolg wie zum Beispiel das Ipad sind immens. In all diesen Phasen, bis aus einer innovativen Idee ein produktives Wachstum entsteht, wird Geld – sehr viel Geld – benötigt.

Diese kurzen Ausführungen mögen genügen, um zu verdeutlichen,  das Wachstum nur bei Bereitstellung von Kapital möglich ist.

Man könnte jetzt fordern, dass die Unternehmen dieses Kapital doch weitestgehend durch Eigenkapital erbringen sollten und nicht über Aufnahme von Krediten – weil, verfolgt man Politik und „Stammtisch“ Schulden ja schlecht seien. Allerdings: Die Folge wäre,  dass nur etablierte  Unternehmen das Potenzial zum Wachstum hätten, denn nicht etablierte junge Unternehmen haben kaum ausreichend Eigenkapital. An dieser Stelle sollten wir einmal fragen, ob aber etablierte Unternehmen  überhaupt ein Interesse haben, durch von ihnen selbst hervorgebrachten Innovationen möglicherweise ihre bisherigen Geschäftsfelder zu kannibalisieren. Selbst wenn diese Frage verneint wird, wäre zu erörtern, ob in einem solchen Falle das Vermögen nicht immer nur bei den bereits bestehenden Unternehmen (bzw. Unternehmern) zunehmen würde. Logisch wäre dies. Die Folge (mit Einschränkungen): Die jetzt schon jetzt bestehende  gravierende ungleiche Vermögensverteilung würde noch mehr zunehmen.

Schulden pauschal zu verdammen,  kann also sehr leicht bedeuten, bestehende Verhältnisse zu zementieren.

Diese  Aussage kann man analog auch auf Privatschulden und Staatsschulden übertragen. Dass die Chance, Schulden zu machen, also einen Kredit aufzunehmen, auch positive Seiten hat, wird jeder verstehen, der sein eigenes Häuschen über Kredit finanziert hat. Für diejenigen, die sich ihr Eigenheim über Kredit finanziert haben, hat die Möglichkeit, Schulden aufzunehmen, bedeutet, dass sie schon jetzt etwas haben, worauf sie sonst lange warten müssten Sie wohnen in dem so sehr gewünschten Eigenheim, obgleich sie überhaupt nicht das Geld besaßen, es bar zu bezahlen.

Privatpersonen können durch Schulden also bereits jetzt in der Zukunft leben. Für Unternehmen und Volkswirtschaften bedeutet die Möglichkeit Schulden zu machen, schneller in der Zukunft anzukommen.

An dieser Stelle bietet es sich eigentlich einmal an, ein Gedankenexperiment zu machen, was umgekehrt Sparen und Entschuldung für uns bedeuten könnte: Wahrscheinlich Stagnation und Verfestigung der Vermögensverteilung. (Möglicherweise müssen wir gar kein abstraktes Gedankenexperiment machen und erleben dies bald in der Realität.)

Kommen wir zur EZB zurück, denn diese spielt in diesem Zusammenhang eine nicht unwichtige Rolle.

Kreditnahmen sind im Wesentlichen nur über Banken möglich. Wobei hier folgende Einschränkung zu machen ist: Je größer ein Unternehmen ist, umso leichter kann es sich Kredite über die Ausgabe von Unternehmensanleihen verschaffen. Dies begünstigt aber wiederum etablierte Unternehmen und nicht potentielle Newcomer. „Ein wenig“ brauchen wir also noch Banken.

Nach der großen Krise 2008 war die EZB-Politik des billigen Geldes darin begründet, den Bankensektor zu stabilisieren. Vielleicht wäre es besser hier von einer Rettung der Banken und nicht von einer Stabilisierung zu sprechen. Bisher hat die EZB  nur das Ziel der (vorläufigen?) Bankenrettung erreicht, nicht aber das Ziel der Stabilisierung des Bankensystems in dem Sinne, dass die Banken wieder in der Lage sind, umfangreich Kredite zu vergeben, um hierdurch das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Wenn die EZB jetzt verbriefte Kreditforderung ankauft, so entlastet sie die Bankbilanzen in der Hoffnung, dass die Banken ihre ureigenen Aufgaben wieder erfüllen können. Möglicherweise überschreitet die EZB dabei tatsächlich das ihr zugeordnete Aufgabenfeld, welches in der Sicherstellung der Geldwertstabilität besteht. Denn die Maßnahmen der EZB stellen tatsächlich eher wirtschaftspolitische Maßnahmen dar. Weil aber die Politik selbst anscheinend nur wenig Maßnahmen ergreift, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, so ist hier möglicherweise zwischen Legalität und Legitimität der EZB-Politik zu unterscheiden. Im Übrigen: Sollte Europa langfristig in eine Stagnation oder Deflation hineinrutschen, so wäre dann zu fragen, ob in diesem Szenario tatsächlich der Wert des Euros erhalten bleibt. In einem übergeordneten Sinne stehen damit die Aufkäufe der EZB im Einklang mit ihrem Auftrag, die Geldwertstabilität sicherzustellen.

Interessant bei  den Reaktionen auf meinen Tweet war auch der Hinweis, dass das billige Geld eigentlich ein ideales Umfeld für Innovationen bietet. Richtigerweise wurde diese Bemerkung dahingehend eingeschränkt, dass das billige Geld aber nicht automatisch in innovative Unternehmen fließt.

Kapital als solches ist ja vorhanden. Wobei wieder die Frage auftritt, wer über das Kapital verfügt. Wenn dieses Kapital vorhanden ist, aber sehr ungleichmäßig verteilt ist, so stellt sich auch hier die Frage, ob die bestehende Kapitalverteilung wachstumsfördernd ist? Hierbei denke ich weniger an die generelle Vermögensverteilung, die sicherlich auch ein zu diskutierendes Thema ist, sondern zunächst mehr an die ebenfalls bestehende Ungleichverteilung zum Beispiel innerhalb der 10% der Reichsten. Denn von diesen Personen kann am ehestens das nötige Kapital für Innovationen bereit gestellt werden. Ich würde diese Frage unter dem Thema der kollektiven Grenzleistungsfähigkeit des individuellen Kapitals zusammenfassen. Ein Aspekt der kaum diskutiert wird. Hier kann aber eine Diskussion über diese Vermögensverteilung  vollkommen neue Horizonte eröffnen. Wohl gemerkt, es geht mir beim Thema Vermögensverteilung nicht um Neid oder sozialistische Tendenzen, sondern darum, ob die jeweilige Vermögensverteilung insgesamt zum Wachstum beitragen kann. In Ansätzen hatte ich dies aber schon einmal einen früheren Artikel thematisiert(2).

Wenn das Internet der Dinge nicht die letzte Innovation sein soll und wenn nicht eines Tages die Ungleichverteilung zu massiven politischen Unruhen führen soll – beides wünsche ich mir nicht – sollten wir die häufig reflexhafte Verdammung der Schulden als solches vielleicht doch neu denken. Und so lange es noch Zeit ist, über das Thema der extremen Vermögensspreizung sachlich zu diskutieren sollten wir dies tun. Besser jetzt proaktiv innovative neue Wege finden, als sich später Forderungen nach Enteignung auseinanderzusetzen, die in einem aufgeheizten gesellschaftlichen Umfeld ebenfalls nicht wachstumsfördernd sind.

 

(1) Business Insider: THE CONNECTED-HOME REPORT: Forecasts And Growth Trends For The Leading ‚Internet Of Things‘ Market

(2) Rogoff, wie er mir gefällt. Oder warum Hochvermögende produktiv investieren sollten.

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