Die EZB ist keine Gelddruckmaschine, sie ist eher eine Zeitmaschine


Natürlich ist die EZB, die europäische Zentralbank, keine Zeitmaschine wie wir diese aus Science-Fiction Geschichten kennen, sondern eher eine Zeitmaschine wörtlichen Sinn. Das meint, die EZB produziert Zeit. Diese Aussage mag seltsam klingen und ich vermute, dass auch zu wenig Verantwortliche in der Politik und Wirtschaft dies erkannt haben. Und natürlich stellt meine Aussage auch eine Analogie dar.

4914ezbVor dem aktuellen Hintergrund der Leitzinssenkung auf nur noch 0,05% mag es vielleicht nicht angebracht erscheinen, hier mit einer auf den ersten Blick möglicherweise weit hergeholten Analogie zu argumentieren. Wenn ich dies dennoch tue, so mache ich das Gleiche, was viele Volkswirte, Fondsmanager, Journalisten und Politiker seit Jahren tun, indem sie behaupten, die EZB würde Geld drucken. Ich hoffe jedenfalls, dass die genannten Personen diese Aussage tatsächlich als Analogie benutzen und sie nicht ernst meinen, denn dies würde ihre fachliche Qualifikation in Frage stellen.

Tatsächlich wird Geld, abgesehen von Banknoten, nicht gedruckt. Bestenfalls könnte man die Buchungsvorgänge zwischen der EZB und den Banken als „drucken“ bezeichnen. Im Zeitalter der Computer passt diese Aussage aber auch nicht. Ich will die Nicht-Ökonomen mit dem Begriff Buchungen nicht überstrapazieren, nur darauf hinweisen, dass die EZB ebenso wie andere Unternehmen ihre Tätigkeiten in einer Bilanz erfasst. Eine Bilanz zeichnet sich dadurch aus, dass für jede Position eine Gegenposition bestehen muss. Nehmen wir die Position „Geld schaffen“, so ist sehr vereinfacht gesagt die Gegenposition eine Kreditverbindlichkeit der Geschäftsbanken gegenüber der EZB. Oder um es ganz einfach zu sagen: Das so genannte „Geld drucken“ stellt ein Darlehensvertrag zwischen Geschäftsbanken und EZB dar. Ein Kreditvertrag zeichnet sich dadurch aus, dass der Kreditnehmer den Kredit zurückzahlen muss. Das so genannte gedruckte Geld wird also irgendwann (zu einem vorab bestimmten Zeitpunkt) zurückgezahlt.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu dem, was sich viele Nichtfachleute unter dem Begriff „Geld drucken“ vorstellen. Der Begriff „Geld drucken“ kann leicht zu Ängsten führen, weil damit befürchtet wird, dass dem Geld kein Gegenwert gegenübersteht. Deshalb wünschen sich einige auch eine Währung, die durch Gold gedeckt ist. Dann stände ja etwas Werthaltiges hinter dem Geld. Grundsätzlich aber ist Geld, welches als Kredit vergeben wird, wertvoller als Geld, welches nur durch Gold gedeckt ist. (Siehe dazu folgenden Artikel: Gold: Angst schädigt die Umwelt)

Dies gilt natürlich nur dann, wenn der Kredit sinnvoll genutzt wird, um damit etwas Positives und Produktives in der Realwirtschaft zu schaffen. Der Kredit soll also zu Wachstum und mehr Wohlstand führen und hieraus zurückgeführt werden. Dies passiert nicht von heute auf morgen und braucht Zeit:

Insoweit ist die EZB eher eine Zeitmaschine als eine Gelddruckmaschine.

Wenn die EZB uns also Zeit gibt, sollte daran gedacht werden, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Rein ökonomisch bedeutet dies, das Wachstum der Wirtschaft sollte steigen.
Solange aber die meisten die EZB als Gelddruckmaschine ansehen, assoziieren Sie damit eher die Gefahr einer künftigen Inflation. Und was vielleicht noch schlimmer ist, es entsteht große Irritation, wenn die Inflation dann jahrelang nicht eintritt, sondern das Gegenteil passiert. Damit haben wir eine Situation der Unsicherheit. Und Unsicherheit führt dazu, dass kein Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft besteht, weniger investiert und konsumiert wird, und das Geld in vermeintlich sichere Anlagen investiert wird. Vermeintlich sichere Geldanlagen sind aber in den allermeisten Fällen von ihrer Natur her unproduktiv. So kann kein Wachstum entstehen.

Einige – nicht alle -Volkswirte argumentieren, dass niedrige Zinsen Investitionen für Unternehmer erleichtern und aus diesen Investitionen Wachstum entstehen könne. Dies mag zwar grundsätzlich zutreffen, nur muss dann dieses viele günstige Geld auch tatsächlich in der Realwirtschaft landen, und dazu bedarf es der Kreditvergabe durch Geschäftsbanken. Die Höhe und den Umfang und die Zinssätze der Kredite der Geschäftsbanken kann die EZB aber nie direkt beeinflussen. Dies ist ein Grund, weshalb dieser geldtheoretische Ansatz vor dem Hintergrund immer noch nicht gesunder Banken nicht funktioniert.

Übrigens ist diese Aussage nichts Neues. Bei der Fragestellung, weshalb die ökonomischen Theorien bisher so unzureichend funktionieren, wurde schon relativ früh nach der Bankenkrise 2008 von einigen Ökonomen erkannt, dass in den allermeisten ökonomischen Modellen die besondere Rolle der Geschäftsbanken nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Weil die Krise offensichtlich noch nicht gelöst ist, bleibt hier als Zwischenfazit:

Die EZB schenkt uns Zeit. Aber nur wenige scheinen dies zu merken, während die Zeit verstreicht und damit verschenken wir Zeit. Mir scheint, dass daran auch die missverstandene Analogie „Geld drucken“ eine Mitschuld hat. Sie, lieber Leser, tragen natürlich keine Schuld an dem Missverständnis, sondern all diejenigen, die in meinen Augen unverantwortlich immer wieder vom „Geld drucken“ reden.

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