Lebensversicherungen und „die Mathematik“ des Chefs des Bundes der Versicherten


108titelMathematisch begründete  Kritik an den konventionellen Lebensversicherungen! Das klingt zunächst einmal sehr interessant und könnte prinzipiell auf unserer Linie liegen. Denn wir haben immer wieder über die Probleme der Risiken für konventionelle deutsche Lebensversicherungen geschrieben. Sollen wir daher diesen Artikel aus dem Handelsblatt in unsere Linkliste zu Lebensversicherungen aufnehmen? (1) Neben unserer schon etwas älteren eigenen Publikation zur Situation der deutschen Lebens- und Rentenversicherung haben wir insbesondere im Jahr 2013 viele relevante Zeitungsartikel zur Situation der Rentenversicherung gesammelt. So haben unsere Kunden – und natürlich auch Sie – die Möglichkeit sich nicht nur an unserem Aussagen zu orientieren.

Vieles spricht dafür diesen Artikel hinzuzufügen:

  1. Seriöse Zeitung (Handelsblatt)
  2. geschrieben von einem  Diplom-Mathematiker. Das klingt insoweit gut, als die Mathematik als exakte Wissenschaft gilt.
  3. Der Autor hat Kenntnisse zu den Interna der Lebensversicherungen, denn er hatte im Aktuariat der Allianz Lebensversicherung gearbeitet
  4. Er hat zugleich aber auch Kenntnisse über die andere Seite. Bei der Stiftung Warentest betreute er den Bereich Lebensversicherung und Altersversorgung.

Eigentlich passt alles und der Artikel müsste damit in unsere Linksammlung aufgenommen werden.

Wir werden den Artikel nicht in unserer Linksammlung aufnehmen!

Worum geht es? Axel Kleinlein kritisierte den Gesamtverband der Deutschen Versicherungen (GDV), der aktuell die um 1,6 Promille gesunkene Stornoquote der Lebensversicherungen als positives Ergebnis bezeichnet.

Zunächst einmal weist der Autor im Handelsblatt (2) darauf hin, dass die Stornoquote um 1,6 Promille gesunken sei. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherung dagegen schreibt in seiner Publikation – Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2014 – auf Seite 18: „Die Stornoquote, gemessen an der Anzahl der Verträge, betrug 2013 3,32 Prozent (Vorjahr:3,48 Prozent) ….. (3)

Rechnen wir einmal nach:

108excel

An dieser Stelle ist es jetzt angebracht, einen Satz aus dem Beitrag im Handelsblatt zu zunächst einmal wörtlich zu zitieren, danach dieses Zitat mit den richtigen Werten zu versehen und ein weiteres Mal die Aussage von Herrn Kleinlein zu korrigieren, sprachlich und mathematisch korrekt :

Wörtliches Zitat:

„… wenn ich mich an der minimalen Verbesserung der Stornoquote von 1,6 Promille abarbeitete. Ich sollte wohl besser das niedrige Niveau der Stornierungen an sich würdigen. 3,32 Prozent ist ja wirklich ein niedriger Wert“.

Zitat geändert mit den richtigen Zahlen:

„… wenn ich mich an der minimalen Verbesserung der Stornoquote von 4,6% Prozent abarbeitete. Ich sollte wohl besser das niedrige Niveau der Stornierungen an sich würdigen. 3,32 Prozent ist ja wirklich ein niedriger Wert“.

Irgendwie klingt das erste Zitat natürlich aufregender :-). Herr Kleinlein hätte natürlich auch sprachlich und mathematisch genau argumentieren können:

„… wenn ich mich an der minimalen Verbesserung der Stornoquote von 1,6 Promillepunkte abarbeitete. Ich sollte wohl besser das niedrige Niveau der Stornierungen an sich würdigen. 3,32 Prozent ist ja wirklich ein niedriger Wert“.

Im letzten Fall wäre es aber auf den ersten Blick nicht leicht, eine Vorstellung der Relation von Stornoquote und Veränderung der Stornoquote zu gewinnen.

Bei seiner Darstellung unterläuft Herrn Kleinlein ein typischer Fehler (oder er nimmt ihn wissentlich in Kauf) ,den es früher auch häufiger in der Presse und im TV bei der Wahlberichterstattung gab, der aber heute kaum noch vorkommt. In der Wahlberichterstattung hieß es häufig: die Partei XY habe 5 % der Stimmen verloren. Tatsächlich waren es dann aber 5 Prozentpunkte. Von einem Vertreter einer exakten Wissenschaft, wie der Mathematik, sollte man schon erwarten, dass Wert darauf gelegt wird, zwischen Änderung in Form von Promille-Punkten und Promille zu unterscheiden. Auch wenn dieser Lapsus bei Nicht-Mathematikern heute noch vorkommt, so sollte doch von Fachleuten erwartet werden, exakt zu argumentieren. Wie sonst soll sich jemals etwas ändern.

Möglicherweise wollte Herr Kleinlein es seinen Lesern aber nicht zu schwer machen. Nur, falsche Vereinfachungen passen nicht dazu, dass immer wieder mehr ökonomisches Verständnis gefordert wird. Und zur Ökonomie gehört auch – aber nicht nur – Mathematik. Im Gegensatz zu Herrn Kleinlein und dem Handelsblatt ist es uns (FORAIM) wichtiger, Sachverhalte  möglichst genau darzustellen. Dazu sind wir gern bereit, auch einmal auf eine Argumentationslinie zu verzichten, die zur Untermauerung unserer Positionierung zwar leicht nachvollziehbar wäre, aber eben ungenau (oder gar falsch!). Unsere Position zur Lebensversicherung bleibt, dass wir diese Anlageform im Hinblick auf die jetzige Zinssituation (Niedrigzins) kritisch sehen, wir verzichten aber auf falsche oberflächlich populistische Argumentationslinien.

Herr Kleinlein – als Mathematiker – rechnet aber weiter. In seinem nächsten Rechengang verhält er sich sogar interdisziplinär (etwas Ironie können wir uns nicht verkneifen 🙂 ). Er verwendet dabei eine Darstellungsweise, die wir zuweilen auch bei Ökonomem  finden. In seiner weiteren Argumentation wird ein Schwenk von der Änderungsrate der Stornoquote auf die absolute Stornoquote vorgenommen.             108LVDie aktuelle Stornoquote von 3,32 % wird sodann am Beispiel eines Kundenbestandes von 10.000 Versicherungsnehmern für die Zukunft fortgeschrieben. So etwas ist nicht nur eine isolierte Trendfortschreibung, sondern liefert, weil es sich um eine multiplikative Berechnung und nicht um eine additive Berechnung handelt, (negativ)  exponentielle Ergebnisse. Diese sind immer besonders beeindruckend.

In einfacher Form kennen wir exponentielle Berechnungen für die Zunahme des Bevölkerungswachstums oder für Prognosen über den Bestand an Ölreserven. In beiden Fällen führt diese Berechnungen zu erschreckenden Ergebnissen (Ob Herrn Kleinlein bewusst war, dass sich erschreckende Ergebnisse gut verkaufen?) . Bei der Berechnung des künftigen Bestandes der Versicherungsnehmer handelt es sich allerdings nicht um eine positive exponentielle Berechnung, sondern um eine negativ exponentielle Berechnung. Dennoch das Ergebnis bleibt erschreckend. Denn nach 30 Jahren haben nur 36,3 % der ursprünglichen Kunden ihren Lebensversicherungsvertrag, der Rest hat seine Verträge storniert.

Exponentielle Berechnungen sind „schön“ wenn man eine Aufsehen erregende Aussage erreichen möchte. So wurde auch in den siebziger Jahren prophezeit, das die Erdölvorräte nur noch für circa 30 Jahre reichen würden. Wir sind also jetzt seit ungefähr zehn Jahre ohne Öl.

Warum sind derartige Berechnungen nicht aufgegangen? Diese Berechnungen berücksichtigten keinerlei Diskontinuitäten. Diskontinuität auf einfache Art erklärt ist einfach das Gegenteil von Kontinuität, also einer stetigen Entwicklung. Die Realität zeigt aber, dass es immer wieder Brüche in einer stetigen Entwicklung gibt. Die Ursachen für diese Brüche, also einer nicht gleichmäßig stetigen Entwicklung, können vielfältig sein: Änderungen auf politischer Ebene , Gewinnung neuer Erkenntnisse, Änderung der Verhaltensweisen usw.

Kommen wir wieder zur Lebensversicherung. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in den nächsten 30 Jahren keine politische Änderungen, keine Änderung in den Verhaltensweisen der potentiellen Kunden und keine Änderungen im Kapitalanlagemarkt und in der Gestaltung der Produkte geben wird. Einige dieser möglichen Änderungen werden zwar unter Umständen keine Auswirkung auf bestehende Verträge haben, andere können dies aber sehr wohl.

Sollte nicht jemand, der auf der Seite der Verbraucher steht, so würde ich jedenfalls den Vorsitzenden des Vorstandes des Bundes der Versicherten Herrn Kleinlein positionieren,  bei seinen öffentlichen Äußerungen diese Verbraucher auf diese Gegebenheiten hinweisen?. Wir meinen ja.

Nachtrag: Ich diskutiere Artikel und Aussagen,wie diesen aus dem Handelsblatt,immer noch gern im Büro. Meine Geschäftspartnerin Christiane Könitz, wies noch auf die monokausale Argumentation hin, dass nach Ansicht von Axel Kleinlein die Stornierung der Lebensversicherungsverträge mit dem mangelnden Vertrauen zusammen hängen . Zitat: „Deutlicher kann man Misstrauen nicht ausdrücken. Eine solche Stornoquote ist kein Vertrauensbeweis.“ Eine Stornierung von Lebensversicherungsverträgen mag zwar (auch) durch Misstrauen begründet sein, es kann aber viele weitere Gründe, wie zum Beispiel langanhaltende Arbeitslosigkeit, geben.


 

Links:

(1) Unsere Linkliste mit Pressemitteilungen zur Lebensversicherung

(2)Handelsblatt 30.7.2014: Die geschönte Massenflucht

(3) GdV: Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2014

 

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