Kalte Progression: Kein Grund sich nur darüber aufzuregen – es ist komplexer …


Die Steuerbelastung kann dazu führen, dass eine Gehaltserhöhung in Höhe der Inflationsrate real die Inflation nicht ausgleicht. Dies wird dann „kalte Progression“ genannt.

Die kalte Progression kann man sich durchaus zu Recht kritisieren. Wenn man dies tut, verliert man aber das große Ganze aus den Augen – und es gibt bald wieder Einzelaspekte, die wiederum zu Recht zu kritisieren sind. Lesen Sie dazu:

kalte progressionm2806

In Deutschland haben wir eine progressive Besteuerung, d.h. mit steigendem Einkommen erhöht sich der Durchschnittssteuersatz. Bis zu 8.354 € bleibt das Einkommen steuerfrei, darüber hinaus steigt der Grenzsteuersatz von 14% auf 42% bis zu einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882 Euro bzw. auf 45% ab 250.731 Euro.

Warum wird aber von einer „kalten“ Progression gesprochen? Weil die Inflation in dem Einkommenssteuertarif nicht berücksichtigt wird (1). Nun wurde jedoch der Grundfreibetrag angehoben von 8.131 € in 2013 auf 8.355 € in 2014. Zu denken, dann ist die Progression jetzt wohl lauwarm, trifft die Sache aber nicht ganz. Denn, ob mit oder ohne Inflationsausgleich: Unser Steuersystem belastet Geringverdiener bei Gehaltserhöhungen überproportional. Wenn wir die durchschnittliche Gehaltserhöhung von 2,5% und die Inflationsrate von 1,5% zugrunde legen, ergibt sich folgendes Bild. Dabei gehen wir jeweils von einem ledigen Arbeitnehmer aus.

Tabelle 1

steuern2

 

 

 

 

Die Zunahme der Steuern ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem zunehmenden Anteil der Steuern bei einem steigendem Einkommen. Der prozentuale Anteil der Steuern am Bruttoeinkommen steigt innerhalb der Progressionszone deutlich mit steigendem Einkommen.

Tabelle 2

Steuer3

Die Zahlen muten zunächst seltsam an. Bei sehr geringem Einkommen ergibt sich eine höhere Steigerung der zu zahlenden Steuer  als bei höheren Gehältern (bezogen auf die Steuerzahlungen vor der Gehaltserhöhung), wie die Tabelle 1 zeigt. Betrachtet man aber nur die Steuerwirkungen auf den Betrag der Gehaltserhöhung, so nimmt der Anteil der auf die Gehaltserhöhung anfallenden Steuern mit steigendem Einkommen zu, wie die Tabelle 2 zeigt.

Verständlich wird dieses Ergebnis durch das progressive System der Einkommensbesteuerung (welches zudem das Einkommen innerhalb von 5 Einkommensgrößen unterschiedlich besteuert (2)),

Steuertarif

sowie durch die unterschiedlichen Bezugsgrößen, die wir für die Betrachtung der Zunahme der Steuern zugrundegelegt haben. Je nachdem welche Betrachtungsweise man einnimmt, könnte jede Einkommensgruppe sich  im Vorteil  oder benachteiligt sehen. ( Eigentlich clever gemacht, wenn dies beabsichtigt wäre, was ich bezweifel :-))

Aber ich halte beide Betrachtungsweisen für zu kurz gegriffen. Denn es gibt neben den Steuern einen zweiten (für die meisten Erwerbstätigen) verpflichtenden Abgabenblock, die Sozialabgaben.

Exkurs: Hier greift auch ein vor kurzem in der Wochenzeitschrift die Zeit veröffentlichter Artikel zu dem Streit zwischen Bofinger und Pikkety zu kurz, der das Thema Steuern in die Diskussion bringt. Denn bei einer umfassenderen Betrachtung müssten auch Sozialabgaben berücksichtigt werden (3).

Schaut man sich nach einer Gehaltserhöhung nicht nur die neue Steuerbelastung an, sondern die Entwicklung des Nettoeinkommens, so ergibt sich in unserem Beispiel folgendes Bild:

bruttonetto

 

 

 

 

Unterschiedlich hohe Zunahmen der Steuerbelastung und unterschiedliche Grenzsteuersätze sind also bei weitem nicht allein entscheidend für die Entwicklung der Nettolöhne in Folge einer Brutto-Gehaltserhöhung. Deshalb greift das Schlagwort „Kalte Progression“ zu kurz. Aber nicht nur das, auch wird hier ein gewollter Aspekt der Steuerprogression fraglich. Denn diese soll bewirken, dass die Höhe der Steuern von der „Tragbarkeit“ für den Steuerzahler abhängt. Bezieher kleinerer Einkommen können naturgemäß weniger Steuern von ihrem Einkommen aufbringen. Also soll die Progression die Bezieher kleinerer Einkommen relativ im Vergleich zu Beziehern höherer Einkommen „besser“ stellen. Betrachtet man isoliert die Einkommensteuer, so wird dies prinzipiell auch erreicht. Aber die Einkommensteuer ist eben nicht die einzige verpflichtende Abgabe auf das Gehalt.

nettoplusin

 

 

 

Würde man zusätzlich noch Verbrauchssteuern und die Mehrwertsteuer in die Betrachtung einbeziehen, so stellt sich die Situation der gering Verdienenden noch schlechter dar.

Natürlich ist die kalte Progression generell ärgerlich und man mag Änderungen wünschen. Nur ist diese Betrachtung zu kurz gegriffen, weil die Auswirkungen der Sozialabgaben und anderer Abgaben wie Verbrauchssteuern und Umsatzsteuer nicht mit berücksichtigt werden. Auch beabsichtigte Umverteilungsziele (4), die dem progressiven Steuersystem zugrunde liegen, werden konterkarriert, wenn eine Abgabeart allein betrachtet wird.

Man sollte also nicht einen Teilaspekt des Abgabensystems in Frage stellen, sondern erkennen, dass die zunehmende Komplexität dazu führen kann, dass Ziele nicht erreicht werden und die Welt nicht gerechter wird.

Möglicherweise hilft hier „keep it simple“. Das schafft aber wieder Ungerechtigkeiten. Nicht hinzunehmen wären dabei Ungerechtigkeiten, die Bürger in Not geraten lassen. Wollten wir dieses Problem ebenfalls „simpel“ lösen, wäre möglicherweise das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommen noch einmal zu überdenken und es wären unterschiedlichen Varianten und Ausprägungen zu diskutieren.


 

(1) Selbst das Bundesfinanzministerium spricht von kalter Progression und erklärt sie auch sogleich: „Von kalter Progression spricht man, wenn Einkommens- und Lohnerhöhungen lediglich die Inflation ausgleichen und es trotz somit unveränderter Leistungsfähigkeit zu einem Anstieg der Durchschnittsbelastung kommt.“ Link

(2) §32 Einkommensteuertarif

(3) Verschärft der Kapitalismus die Ungleichheit oder nicht? – Thomas Piketty vs. Peter Bofinger

(4) Als Ziel des progessiven Steuersystems wird häufig eine Besteuerung nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit genannt, aber dieses Prinzip beinhaltet natürlich auch den Aspekt der Umverteilung.

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