Zwar Pflichtlektüre, aber sollen Anlageberater jetzt 6% Rendite ohne Risiko empfehlen?


Selbstverständlich erwarten Kunden von Anlageberatern (1) – und wohl auch von Finanzanlage-Vermittlern – dass diese möglichst umfassend über ihr Metier informiert sind. Und auch der Bundesgerichtshof hat in diesem Sinne „positiv“ (?) für die Verbraucher geurteilt: „Denn das Handelsblatt bietet als werktäglich erscheinende Zeitung mit spezieller Ausrichtung auf Wirtschaftsfragen und einem diesbezüglich breiten Informationsspektrum in ganz besonderem Maße die Gewähr, aktuell über wichtige und für die Anlageberatung relevante Nachrichten informiert zu werden.“ (2) Spätestens seit diesem Urteil gilt das Handelsblatt als Pflichtlektüre für Anlageberater.

Bild2Wir nehmen jetzt einmal einfach an, dass dieses BGH-Urteil nicht spitzfindig gemeint ist. Spitzfindig in diesem Sinne wäre, dass Anlageberater relevante Wirtschaftszeitungen lesen müssen, um zu erkennen, welche Aussagen in der Zeitung „wahr“ sind und welche Meldungen „falsch“ sind und daher keinesfalls einer Beratung zugrundegelegt werden sollten. Spitzfindig gemeint wäre das Urteil das BGH also in dem Sinne, dass Anlageberater zwingend die Aufgabe hätten, ein Korrektiv der „relevanten“ Wirtschaftszeitungen zu sein. Dann müsste ein Beratungsgespräch in etwa in dieser Form beginnen:

„Lieber Kunde, haben Sie heute schon Wirtschaftsmeldungen der Zeitung xy gelesen? Eigentlich ist es egal, ob sie diese gelesen haben, denn ich bin verpflichtet Sie darauf hinzuweisen, dass ……… nicht richtig ist“

Nein, wir glauben nicht, dass das Urteil so gemeint war!

Nun gab es im Handelsblatt vom 8.Mai 2014 eine Meldung mit der Überschrift:

Sechs Prozent Rendite ohne Risiko“ 

Und die dann beschriebenen Geldanlagen wurden als Alternativen zum Sparbuch dargestellt. Wenn  eine derartig hohe Rendite ohne Risiko möglich ist und wenn Anlageberater dem oben zitierten Satz aus dem BGH-Urteil in der Beratung beachten müssen, denn 6% Rendite ohne Risiko sind zweifelsohne für Sparer und Anleger relevante Nachrichten, müssten nun alle Anlageberater schnellsten ihre Kunden anrufen und auf diese Anlagemöglichkeiten hinweisen. Wir meinen allerdings, es wäre besser Anlageberater und auch Finanzanlage-Vermittler verzichten auf diese Telefonate (3).

Aber wir wollen fair bleiben. Das Handelsblatt relativiert seine Aussage gleich zu Beginn dahingehend, dass es Anlageformen nennt, „Wo es mit geringem Risiko noch ordentliche Renditen gibt.“ Aber was ist ein geringes Risiko? Bei Investmentfonds könnte man das Risiko der einzelnen Fonds anhand der Risikoklassen festlegen (4). Üblich sind zwei unterschiedliche Klassifizierung:

  • Risikokennziffern auf einer Skala von 1 bis 5 (Die Zuordnung wird im wesentlich bestimmt nach dem Anlageschwerpunkt. „1“ wären Geldmarktfonds und „5“ wären Aktienfonds in engen sehr spekulativen Märkten)
  • Risikoklasse nach SRRI auf einer Skala von 1 bis 7 (Sehr vereinfacht dargestellt schwanken die Kurse der Fonds in der Risikoklasse 1 kaum und in der Risikoklasse 7 sehr stark)

Handelt es sich nun bei den vom Handelsblatt vorgestellten Investmentfonds um Anlagen mit wenig Risiko? Hier die genannten Fonds:

  • Threadneedle Credit Opportunities Fund: Risikokennziffer 3  — SRRI Risikoklasse 4
  • Carmignac Capital Plus A EUR acc:  Risikokennziffer 2 — SRRI Risikoklasse 2
  • BSF – BlackRock European Credit Strategies Fund H2 EUR Risikokennziffer 3 — SRRI Risikoklasse 5
  • Sauren Absolute Return D: Risikokennziffer 3  — SRRI Risikoklasse 3
  • GAM Star (Lux) – European Alpha C:  Risikokennziffer 2  –SRRI Risikoklasse 4

Ein Anlageberater dürfte einen Investmentfonds mit der Risikokennziffer 3 sicher nicht als Anlage mit „wenig“ Risiko anbieten oder empfehlen. Und wenn der Berater eine Assoziation zu Sparbücher weckt, dürfte er wohl auch kein Produkt mit der Risikokennziffer 2 empfehlen. Bei der Betrachtung der SRRI Risikoklasse 3 wird wohl ebenfalls nicht mehr eine Empfehlung als eine mit wenig Risiko verbundenen Anlage möglich sein. Hiernach könnte am ehesten der Carmignac Capital Plus A als Anlage mit wenig Risiko bezeichnet werden. Dies ist auch nicht sonderlich verwunderlich, denn dieser Fonds ist ungefähr zur Hälfte im Geldmarkt investiert.

Aufgrund einer strengen Risikobetrachtung tut wahrscheinlich jeder Anlageberater oder Vermittler gut daran, hier seine Pflichtlektüre einmal nicht ernst zu nehmen. Und natürlich gilt diese Aussage erst recht für den potentiellen Privatanleger.

Aber wie ist denn die Auswahl der Fonds hinsichtlich der angeblich möglichen Rendite von 6% zu bewerten?

Klickt man die Fonds auf der Bildstrecke im Handelsblatt durch, so werden für die einzelnen Fonds die Wertentwicklungen in unterschiedlichen Zeitperioden aufgezeigt. Und nur in 2 von 11 Szenarien wurde eine Rendite von 6% und mehr erreicht.

„Pflichtlektüre“ kann also recht frustrierend sein. Natürlich weiß auch jeder nur einigermassen kenntnisreicher Berater oder Vermittler ohne den Artikel gelesen zu haben, dass besonders in der jetzigen Marktlage 6% Rendite mit wenig Risiko unmöglich sind. Aber er muss ja die Mitteilungen lesen. Und es könnte ja auch sein, dass vielleicht doch interessante Anlagemöglichkeiten aufgeführt werden, auch wenn das Risiko deutlich größer als angekündigt ist.

Dazu ein Vergleich der Investmentfonds zum Durchschnitt der Fondskategorie Absolut Return aktienorientiert. Dabei betrachten wir an dieser Stelle nicht den relativ geldmarktnahen Carmignac Fonds und ebenfalls nicht den GAM Star (Lux) – European Alpha C (Dazu unten mehr):

Vergleich mit Durchschnitt der Absolute Return Fonds / aktienorientiert

ARA

Der Vergleichszeitraum ist definiert als längster Vergleichszeitraum, in dem es alle drei genannten Fonds gibt. Die schwarze Linie gibt den Durchschnitt der entsprechenden Fonds an. Lediglich ein Fonds, der BSF – BlackRock European Credit Strategies Fund weist ein deutlich vom Durchschnitt abweichendes Ergebnis auf. Allerdings ist dieser Fonds nicht aktienmarktorientiert sondern investiert in Rentenpapiere. Dies gilt ebenso für den Threadneedle Credit Opportunities. Lediglich der  Sauren Absolute Return D investiert breit gestreut über unterschiedliche Anlagenklassen. Dass fast alle Fonds in der Abwärtsphase der Aktienmärkte geringere Verluste aufweisen als der Durchschnitt erklärt sich allein daraus,dass hier der Durchschnitt der aktienorientierten Absolut Return Fonds betrachtet wird. 6% Rendite erwirtschaftet in diesem Zeitraum allerdings keiner der Fonds.

Eine sonderlich neue Erkenntnis bietet die Pflichtlektüre also dem nach neuen Ideen auschauenden Berater nicht. Das Ergebnis der Fonds wird eben weitgehend durch den Markt bestimmt, in dem er investiert.

Welche Alternativen gibt es?

Mehr als der Platz in diesem Blog bietet! Dazu hier zwei Beispiele (5).

Der CS Fund (Lux) Relative Return Engineered (Euro) ist schon an anderer Stelle in diesem Blog beschrieben worden. Daher ganz kurz: Es handelt sich um einen Investmentfonds, der als Basisinvestment in Aktien investiert. In Hinblick auf das Renditeziel orientiert sich der Fonds aber an dem Anleihemarkt. Hier werden im wesentlichen auch die Derivate eingesetzt. Durch diverse Derivate sollen auch typische Aktienmarktrisiken ausgeschaltet werden.  Dies gelang in 2011 gut, wie die nachstehende Grafik zeigt. Auch im Crash Jahr 2008 wurde eine positive Rendite erzielt: 9,4% ( Das sind dann mal eindeutig mehr als 6% 🙂 )  Die Grafik zeigt (schwarze Linie), dass der Fonds sich in vielen Phasen deutlich besser entwickelt hat als die drei genannten Fonds, die im Handelsblatt dargestellt wurden. Allerdings war 2013 ein relativ schwaches Jahr mit einem leicht negativen Ergebnis. Hier noch die Risikozahlen:

  • CS Fund (Lux) Relative Return Engineered (Euro) B Risikokennziffer 2  — SRRI Risikoklasse 3

Schwankungen bei börsennotierten Papieren zu vermeiden ist unmöglich. Und weil die meisten Investmentfonds in börsennotierte Anlagen investieren, gilt dies auch für fast alle Investmentfonds. Wer keine Schwankungen bei seinen Anlagen will, muss eine eingeschränkte Handelbarkeit (Fungibilität) akzeptieren. Das Handelsblatt hat solche Anlagen auch genannt, wie zum Beispiel die Genossenschaftsanteile der Deutschen Apotheker und Ärzte Bank. Aber auch im Bereich der Investmentfonds lassen sich Anlagen finden, die in der Regel kaum Schwankungen aufweisen und dafür in der Handelbarkeit eingeschränkt sind. Es handelt sich hierbei um Offene Immobilienfonds. Nur gilt es auch innerhalb dieses Segments hinsichtlich der Anlageschwerpunkte zu unterscheiden. Zu unrecht relativ wenig beachtet wird der Bereich der Offenen Wohnimmobilienfonds. Es gibt unserer Kenntnis nach allerdings auch nur einen Fonds, der zum Vertrieb als Publikumfonds zugelassen ist. Es handelt sich dabei um den WERTGRUND Wohnselect D. In der Grafik ist er durch die graue Linie dargestellt. Der Fonds erzielte in der Vergangenheit folgende Wertzuwächse: 2013: 6,25% ; 2012: 4,32% und 2011: 4,17%. Die Risikoklassenzuordnung ist nicht eindeutig: Er wird zuweilen mit der Risikokennziffer 2 und zuweilen mit 3 geführt.

althbWir wollen die vom Handelsblatt genannten Fonds mit dieser Betrachtung nicht pauschal abwerten. Zum Teil finden sich die Fonds auch in unseren Musterdepots wieder. Aber wir haben bei diesen Fonds keine Renditeerwartung von 6% und nehmen eine andere Risikobeurteilung vor.

Eine Werbeaussage eines Finanzdienstleisters „6% Rendite ohne Risiko“ würden wir als unseriös bezeichnen. Ein Anlageberater oder Vermittler vermag dies zu erkennen, selbst dann wenn diese Aussage in einer vom BGH als relevant bezeichneten Zeitung stammt. Gilt dies aber auch für die meisten Anleger? Hier hätten wir uns etwas mehr Zurückhaltung von der Redaktion der ansonsten durchaus auch beachtenswerten Zeitung Handelsblatt gewünscht.


Außer Betracht blieb der vom Handelsblatt genannte Fonds GAM Star (Lux) – European Alpha C. mit der Risikokennziffer 2  und der SRRI Risikoklasse 4. Der nachfolgende Chart zeigt doch etwas sehr viel Risiko:

GAM STAR

Bei näherer Betrachtung könnte sich ergeben, dass unsere Risikoeinschätzung revidiert werden müsste, weil zum Beispiel in der langen Laufzeit Managerwechsel oder Änderungen in der grundsätzlichen Strategie erfolgten. Hier haben wir aber nicht weiter recherchiert.

______________________________________________________________________ (1) Anlageberater und Anlagevermittler bieten unterschiedliche Dienstleistungen an, auf die wir an dieser Stelle nicht näher eingehen. Von daher unterscheiden sich auch rechtliche Anforderungen und Beurteilungen. Dennoch unterscheiden wir in diesem Beitrag der Einfachheithalber nicht zwischen der Anlageberatung und Vermittlung.

(2)  Zitiert aus dem Betriebs Berater BGH: Handelsblatt ist Pflichtlektüre des Anlageberaters

(3) Der „Rat“ auf diese Telefonate zu verzichten, begründet sich nicht nur darauf, erst einmal zu abzuklären, ob diese Telefonate überhaupt erlaubt sind.

(4) Welche Risikozuordnung der Berater als mit wenig Risiko verbunden empfehlen kann hängt nicht unbedingt nur von der Risikoklasse der Fonds ab. Hier spielen auch einige andere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel der Anlagezeithorizont.

(5) Wir haben bewusst den Begriff Beispiele gewählt. Denn es handelt sich hierbei keineswegs um eine Anlageempfehlung. Dies insbesondere aus zwei Gründen: Uns sind die Kenntnisse und Risikoneigung des Lesers und möglichen Anleger an dieser Stelle naturgemäß nicht bekannt. Die Informationen zu den genannten Fonds sind in diesem Beitrag nicht hinreichend ausreichend, es fehlen zum Beispiel die wesentlichen Anlegerinformationen (KID). Sie können sich aber jederzeit an uns wenden: Hier!

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