Gefährliche Indexfonds: Für den Anleger, die Volkswirtschaft und unsere Kinder


indexfondsDie Warnung ist nicht neu, bereits 2011 warnten der Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor den Gefahren von Indexfonds für die Stabilität unseres Finanzsystems (1). Vorausgegangen war schon eine Warnung von Andrew Haldane (2), der bereits damals auf diese Risiken hinwies. Andrew Haldane erneuert jetzt auf einem Vortrag diese Warnung, indem er auf die Bedeutung der großen Vermögensverwalter und Fonds für die Finanzmarktstabilität hinweist.  Der Grund ist relativ simpel und ähnelt dem Herdentrieb. Weil es in jedem Index eine feste Gewichtung der darin enthaltenen Aktien (oder anderen Wertpapiere) gibt, müssen bei einem steigenden Aktienmarkt die im Index enthaltenen Aktien nachgekauft werden, was deren Kurs wiederum steigen lässt … und so fort.. In einer Baisse läuft es dann genau umgekehrt. Sollte der Gefahrenhinweis von Haldane zutreffen, spricht gegen den Kauf von Indexfonds zunächst einmal die „große ökonomische Sicht“. Dies muss natürlich, zumindest auf kurze Sicht, nicht für den einzelnen Anleger gelten.

Eine Unterscheidung zwischen möglichen volkswirtschaftlichen Schäden und Vorteilen für den Privatanleger ist hier zunächst angebracht.Denn mit dem Hinweis, man könne den Markt nicht dauerhaft schlagen, und unter Kostenüberlegungen gibt es vielfach die Empfehlung passive Fonds, also Indexfonds, statt aktiv gemanagte Fonds zu kaufen. Sollte man nun dieser Strategie – primär in Indexfonds zu investieren – folgen, einfach weil es individuelle Vorteile gibt?

Zunächst einmal ist der Begriff Markt zu relativieren. Bildet der DAX oder ein anderer Aktienindex tatsächlich den Markt ab?

Offensichtlich trifft diese Aussage nur in einem tautologischen Sinne zu. Der DAX bildet den Markt, der im DAX befindlichen börsennotierten deutschen Unternehmen ab – nicht mehr und nicht weniger. Hierzu ein Auszug eines Beitrag von mir aus dem Jahr 2011 (3):

DAX“ Hier möchten wir einmal die Bedeutung des DAX nur für die deutsche Wirtschaft darstellen: Es gibt in Deutschland 1020 Großunternehmen, aber nur 30 DAX Unternehmen. Die Wertschöpfung der Großunternehmen (nicht allein der DAX Unternehmen) macht nur rund 50% aus.Die restliche Wertschöpung verteilt sich auf rund 3,5 Mio Unternehmen.“ 

Wer also mit einer Anlage in Aktien an der Wertschöpfung in einer Volkswirtschaft partizipieren möchte und somit in diesen „Markt“ investieren möchte, erreicht sein Ziel nicht damit, wenn er in einen Indexfonds investiert.

Der Anleger, der in Indexfonds investiert, verpasst aber Änderungen der jeweiligen „Märkte“ bzw. die Änderungen spiegeln sich erst verspätet in seinem Depot wider(4). Das gilt nicht für alle Änderungen, sehr wohl aber für Änderungen durch Innovationen, soweit diese zum Beispiel im realwirtschaftlichen Markt nicht gerade durch die im Index repräsentierten Unternehmen hervorgebracht werden.

Die Aussage, dass Fondsmanager den Markt nicht schlagen können, bezieht sich zudem in der Regel auf die Rendite und gilt eingeschränkt durch den Zusatz „auf Dauer“. Beides sind aber Einschränkungen, die die tatsächlichen Erwartungen vieler Anleger nicht voll umfassend berücksichtigen. Anleger wollen zwar Rendite, sie wollen aber meist keine Verluste. Bin ich passiv in einem renditeträchtigen Markt investiert, so bin ich zwangsläufig in einem Markt investiert, der auch Risiken enthält. Und der Indexfonds ist passiv, das heisst er bildet auch die Marktverluste ab. Noch wichtiger mag die Einschränkung „auf Dauer“ sein. Wer sagt dem Anleger und/oder handelt für den Anleger, wenn die „Dauer“ gerade einmal zwischenzeitlich zu Ende ist. Hier hilft zwar ein klassischer Aktienfonds auch nicht. Aber es gibt Investmentfonds mit variabler Aktienquote, deren Manager zumindest die Chance haben, am Ende einer Haussee Gewinne zu realisieren. Eine Chance zu haben ist mehr als passiv zu verharren.

Es gibt also sehr wohl Gründe für Anleger nicht generell und ausschliesslich auf Indexfonds zu setzen. Und falls Haldane recht hat, würden diese Anleger auch langfristig etwas Gutes für ihre Geldanlagen tun. Denn Krisen, die die Stabilität des Finanzsystems gefährden, haben beträchtliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft und damit auch auf die Werthaltigkeit vieler Anlageklassen.

Kommen wir aber noch einmal auf volkswirtschaftliche Effekte zurück. Wenn zunehmend Gelder in Indexfonds fließen, fließt dieses Geld weniger anderen Anlageklassen zu. Wenn Indexfonds etablierte Märkte abbilden, steht weniger Geld zur Verfügung, dass in (noch) nicht etablierte Märkte fließt. Damit werden dann Wandel und Innovationen benachteiligt.  Beides ist notwendig: Wandel, wenn sich bisherige Strukturen als nachteilig heraus stellen und Innovationen als Grundlage für Wachstum und besseres Leben.

Ein Nachteil des Wandels und Innovationen besteht aber sehr wohl. Neue Produkte und auch neue Finanzanlagen funktionieren nicht immer perfekt. Erst der Wettbewerb verschiedener Entrepreneure verbessert Produkte und Dienstleistungen. Die ersten Käufer tragen also immer Risiken, können aber auch entsprechende Chancen haben. Aber ohne „erste“ Käufer wird es nie neue – und bessere – Angebote für alle geben.

In dem Bestreben weiter Teile unserer Gesellschaft, die Menschen vor allen Risiken zu bewahren, laufen wir Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Oder, um im Bild zu bleiben, unseren Kinder die Zukunft zu nehmen. Hätten wir alle unter den gleichen Bedingungen leben wollen,wie unsere Großeltern in deren ersten Lebenshälfte? Nur weil Änderungen und Innovationen möglich waren, leben wir jetzt in einer anderen Welt.

Die BAFin ist übrigens jetzt auf dem besten Weg, unseren Kinder unsere Welt zu bewahren. Denn durch neue Überlegungen trägt sie möglicherweise dazu bei, dass Etablierte zu verfestigen. Sie will zwar nicht alle Finanzprodukte verbieten, wohl aber die Werbung für bestimmte Produkte untersagen (5). Wohlgemerkt, es soll sich dabei um durchaus erlaubte Produkte handeln. Warum ist aber etwas erlaubt, worüber zugleich verboten ist zu reden?

Bei dem Wunsch „unsere Welt zu bewahren“ oder wenigstens das „Gute unserer Welt“ zu bewahren, übersieht man, dass nicht Deutschland, Europa oder die westliche Welt die Welt ist. Und wenn es in anderen Teilen der Welt wirtschaftlich Fortschritte gibt, besteht nicht nur die Gefahr, dass wir – unsere Kinder- relativ verlieren, sondern auch absolut. Dies ist unter anderem zwangsläufig durch die globalen Verflechtung bedingt.

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1 Diesmal ohne Angabe der genauen Quellen, entnommen aus dem Manager Magazin vom 8.4.2014

2 Andrew (zuweilen auch Andy) Haldane ist als Executive Directoer bei den englischen Zentralbank für den Bereich Finanzstabilität zuständig

3 Foraim Google + vom 4.12.2011

4 Diese Aussage gilt verstärkt, je wenige Unternehmen ein Aktienindex repräsentiert. Oder im Umkehrschluss gemildert je größer gefasst der Index ist. Natürlich treten solche Effekte auch in Indizes auf, die nicht auf Aktien basieren.

5 So die Überlegungen der BAFin Chefin Elke König, wiedergegeben in der Wirtschaftswoche

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