Für Lebensversicherungen keine Staatsgarantie. Diesmal zahlt der Bürger gleich direkt.


Ich weiß nicht, ob unser Finanzminister Herr Schäuble tatsächlich wörtlich gesagt haben soll: Wenn er Banken schließen würde, dann am Wochenende (1). Denn dann könne niemand mehr reagieren. Die Meldung der Süddeutschen vom 10.März 2014 erinnerte mich gleich an eine solche Überrumpelungsstrategie und handelt von einem Hilfspaket zugunsten der deutschen Lebensversicherungen.

lv rettenDie Bundesregierung plant einen Gesetzesentwurf zur Stärkung der Lebensversicherungen. Neben anderen Maßnahmen hat dies für die Versicherten zur Folge, dass die Kunden der Lebensversicherungen bei Kündigung oder Ablauf der Versicherungen keinen Anspruch auf Auszahlungen der Bewertungsreserven mehr haben sollen. Im Klartext: die Auszahlungen werden (weiter) reduziert.

Dass die deutschen konventionellen Lebens- und Rentenversicherungen von dem anhaltend niedrigen Zinsniveau nicht unbetroffen bleiben konnten, ist eigentlich kein aktuelles Thema (2). Und glaubt man der Bundesregierung, so bestehen kurz bis mittelfristig keine Risiken hinsichtlich der Erfüllung der Leistungsversprechungen der Lebensversicherungen (3).  Nur dann ist kaum zu verstehen, warum sehr schnell die geplanten Gesetzesmassnahmen umgesetzt werden müssen. In anderen für die Finanzstabilität relevanten Fällen wird normalerweise wesentlich langsamer gearbeitet. So besteht heute, mehr als 5 Jahre nach Beginn der Bankenkrise immer noch keine Einigkeit über die Abwicklungspläne für marode Banken. Im Fall der Lebensversicherungen, die nach Aussage der Regierung doch kurz bis mittelfristig ohne Risiken sein sollen, wird aber die Wirkung zur Kürzung der Bewertungsreserven ab dem Tag gelten sollen, an dem der Gesetzesentwurf im Kabinett (nicht im Bundestag!) verabschiedet wird. Das ist nahezu eben so schnell, wie eine Schließung einer Bank am Wochenende!

Verständlich ist ein solches Vorgehen eigentlich nur unter dem Aspekt, dass ansonsten noch vor Inkrafttreten des Gesetzes eine Kündigungswelle einsetzt. Ob eine Kündigung einer Lebensversicherung sinnvoll ist, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Aber warum wird durch diese kurze Frist versucht, den Versicherungsnehmern die Zeit für eine bedachte Überlegung zu nehmen, ob er kündigen möchte oder nicht? Warum, wenn doch die Lebensversicherungen kurz bis mittelfristig sicher seien? Wenn Sie sicher sind, haben Sie definitionsgemäss ausreichend Kapital, um auch eine Kündigungswelle zu verkraften. Es werden schon nicht alle Versicherungsnehmer gleichzeitig kündigen.

Möglicherweise muss man in dem Zusammenhang mit den aktuell geplanten Hilfspaketen 2 unterschiedliche Faktenbereiche bewerten. Es gibt harte ökonomische Fakten und weiche, nicht ökonomische Fakten bei der geplanten schnellen Umsetzung.

Weiche – nicht direkt wirtschaftliche – Fakten

2005 gab es ein Urteil des Bundesverfassungsgericht BVG , dass die Versicherungsgesellschaften verpflichtete, überhaupt mindestens 50% der Bewertungsreserven an die Versicherungsnehmer auszuzahlen. Ab 2008 wurde dann dieses Urteil umgesetzt.  Im Zusammenhang mit der Hoeneß-Affäre habe ich irgendwo gelesen, dass Urteile im Namen des Volkes gesprochen werden. Und jetzt soll die Volksvertretung ein Gesetz verabschieden, dass dieses BVG Urteil konterkarriert. Entweder man nimmt des Volkes Wille etwas leicht, oder es ist brenzlig.

Es gab vor nicht allzu langer Zeit einen ähnlichen Fall, in dem die Regierung offensichtlich gute demokratische Traditionen, die eigentlich unser Land auszeichnen sollten, etwas locker übergangen hat. Dies war die Verkündung der Staatsgarantie für die Spareinlagen. Sie wurde von der Kanzlerin verkündet, ohne dass es entsprechende durch das Parlament legitimierte Gesetze gab. Zugegeben: diese Erklärung war notwendig, verhinderte sie doch erfolgreich einen Banken-Run, der wahrscheinlich verheerende Folgen gehabt hätte.

Ist die schnelle Stichtagsregelung für die Lebensversicherung nur unglücklich, unbedacht gewählt worden? Hoffentlich.

Harte wirtschaftliche Faktoren?

Natürlich haben Lebensversicherungsgesellschaften ein Problem, adäquate Renditen zu erwirtschaften, wenn sie überwiegend in Anleihen mit deren sehr niedrigen Zinsen investieren. Die geringen Renditen der Versicherungsverträge sind aber trotz Niedrigzinsniveau nicht zwangsläufig.

Auch mit Staatsanleihen lassen sich hohe Renditen erwirtschaften, und man muss dabei nicht einmal auf exotische Staaten ausweichen.  Ignis Asset Management (4) verwaltet das Rentenpapierdepot einer inaktiven englischen Lebensversicherung und hat mit in ihrer Anlagestrategie in einem Publikumsfonds folgende Renditen erwirtschaftet:

ign

Wird diese Strategie in institutionellem Rahmen eingesetzt,so fällt die Rendite noch höher aus, weil die Kostenbeteiligung geringer ausfällt. Nun ist der Einwand richtig, dass gerade in den vergangenen Jahren durch gesunkenen Zinsen Kursgewinne erzielt wurden, die wiederum zu den nur temporär hohen Bewertungsreserven der Versicherungen geführt haben. Und eben weil diese Gewinne temporär seien, dürfe man sie jetzt nicht zu Lasten der größeren vetragstreuen Kunden verteilen.( So wird seitens der Versicherungen argumentiert). Schaut man sich aber einen Vergleich des Ignis Publikum Fonds mit dem Durchschnitt von Rentenfonds an, zeigt sich, dass das Ergebnis der Ignis-Anlagestrategie im Verhältnis zu dem Ergebnis des Marktes recht konstant war.

ignis2Auch wenn der Zeitraum 2011 bis 2013 recht kurz war, lässt dieser Erfolg das Argument der Versicherungswirtschaft ,dass sich die Bewertungsreserven bis zum Auslauf der den Anleihen jeweils zugrundeliegenden Laufzeiten verflüchtigen, nur eingeschränkt überzeugend gelten.

Nun kann auch dieser Fonds, der übrigens primär in als relativ sicher geltende Anleihen der G 10 Staaten (5) investiert, nicht hexen. Natürlich unterliegen die in diesem Fonds enthaltenen Anleihen den Kursschwankungen, die durch Zinsänderungen verursacht werden, in gleichem Ausmaß wie die Anleihen in den Depots der Lebensversicherungen. Der Erfolg von Ignis ergibt sicht durch den Einsatz von Derivate. Aber auch deutsche Lebensversicherungen dürfen Derivate einsetzen (6).

Eine weitere einfache Idee läge in einer Erhöhung der traditionell geringen Aktienquote. Etwas sehr vereinfacht dargestellt könnte sich folgende Szenarien ergeben:

  • Aktienkurse steigen: Zusätzlicher Gewinn entsteht, dieser fällt in der Regel höher aus, als der Gewinn aus Anleihen. Bei mehr Gewinn sollte es leichter fallen, die Bewertungsreserven auszuzahlen.
  • Aktienkurse fallen: Diese Verluste reduzieren die Bewertungsreserven. Es muss also auch bei Beibehaltung des Anspruchs der Versicherungsnehmer auf Auszahlung von 50% Bewertungsreserven de facto weniger ausgezahlt werden,weil die Aktienkursverluste die Buchgewinne der Rentenpapiere zum Teil kompensieren. Zugleich behält die Versicherungsgesellschaft aber den Kupon (Zinsen) aus den Anleihen, die zu den erhöhten Bewertungsreserven führen. Dieser Kupon ist wahrscheinlich das zentrale Thema, weshalb die Lebensversicherungen die Bewertungsreserven nicht auszahlen wollen. Das Problem wäre behoben oder gemildert.

Allerdings gestehe ich gern zu, dass diese Lösungsansätze einem Assetmanager einer Lebensversicherung wahrscheinlich zu einfach klingen. Zudem wurde an dieser Stelle nur ein Teil der möglichen Anlagen der Lebensversicherungen betrachtet. Und es wird sicher auch Gründe geben, die gegen die beiden vorgenannten exemplarischen Überlegungen sprechen. Dann stellt sich aber die Frage nach genau diesen Gründen. Ist die Lage tatsächlich ernst?

Sollte dies tatsächlich der Fall sein, handelt es sich bei der Stichtagsregelung um eine „elegante“ Lösung. Der Bürger (der Bürger deshalb, weil fast jeder Büger eine Lebensversicherung hat) rettet mit seinem Geld, dem Verzicht auf die Bewertungsreserve der Lebensversicherungen, bevor der Fall eintritt, dass er merkt, dass er sie mit seinem Geld aus einem anderen Topf, den Topf der Steuerzahlungen retten muss, wie dies bei vielen Banken der Fall war.

Man kann die Überlegungen auch weiter führen. Was ist denn die wesentliche Ursache für das Niedrigzinsniveau. Der Beginn des Zeitalters niedriger Zinsen fällt mit der Rettung und Sanierung der Banken zusammen. Handelt es sich bei dem geplanten Gesetzentwurf dann etwa um nachgelagert notwendig gewordene Kosten der Bankenrettung?

Immerhin: wir benötigen keine Steuermittel und wir bewahren uns alle davor, noch einmal an eine nicht durch das Parlament legitimierte Staatsgarantie glauben zu müssen 🙂

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Aufgrund der Aktualität führen wir zu diesem Thema am Samstag, den 22. März eine Veranstaltung in Hamburg durch. Interesse? Hier erhalten Sie mehr Informationen und können sich bei Interesse gleich anmelden.

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(1) Warum tatsächlich Banken am Wochenende geschlossen werden müssten, wird hier auf der Seite der Deutschen Welle erörtert. Ähnlich auch hier in der Süddeutschen Zeitung

(2) Siehe hierzu zum Beispiel unsere Sammlung diverser Presseartikel.

(3) Entnommen aus AssCompact – Fachmagazin für Risiko- und Kapitalmanagement.

(4) Insgesamt verwaltet diese Gesellschaft immerhin 79,2 Milliarden Euro – Hier ist nachträglich eine Korrektur erfolgt. Ich hätte zuerst fälscherlicherweise 79,2 Bio Euro geschrieben ( siehe Kommentar von Hardy)

(5) Zu den G 10 Staaten gehören  zwischenzeitlich 11 Staaten:USA, Japan, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien,Italien, Belgien, Niederlande, Schweiz und Schweden.

(6) Lebensversicherungen dürfen Derivate sowohl zur Absicherung als auch Ertragsmehrung einsetzen. Quelle: Einsatz und Risikocontrolling von Derivaten in deutschen Versicherungsunternehmen,Prof. Dr. H. Locarek-Junge,Dipl. Kfm. F. Riddermann,Dipl. Kffr. Anja Berndt,Lehrstuhl für Finanzwirtschaft,Technische Universität Dresden

2 Gedanken zu “Für Lebensversicherungen keine Staatsgarantie. Diesmal zahlt der Bürger gleich direkt.

  1. (4) Insgesamt verwaltet diese Gesellschaft immerhin 79,2 Bio. Euro

    Nö, tut sie nicht. Sie verwaltet vermutlich (in englisch) 79,2 Billion Euros, also auf deutsch 79,2 Milliarden €. Ein verbreiteter, aber für eine solche Seite sehr blamabler Fehler – beträgt doch das Welt-BIP gerade mal 70 Billionen €. One Billion = eine Milliarde. Das sollte man wissen.

    1. Danke an Hardy. Dieser Hinweis ist berechtigt und für diesen Fehler entschuldige ich mich. Richtig ist: 79,2 Milliarden Euro. Normalerweise achte ich auf die unterschiedlichen Definition der US / europäischen Zählweise. Dennoch: es war mein Fehler! Ich habe einen Vermerk im Artikel vorgenommen, will den Fehler aber nicht verheimlichen.

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