Wirtschaftliche Prognosen: Manchmal hilft die Zeit


Bei meiner täglichen Sichtung diverser Wirtschafts- und Finanznachrichten ist mir diese Überschrift aufgefallen:

M.M. Warburg: Steigende Inflation ist nicht in Sicht.

WBAussagen der Privatbank M.M. Warburg wecken immer mein besonderes Interesse. Zum einen schätze ich grundsätzlich deren Chefvolkwsirt Carsten Klude. Nicht nur, weil Herr Klude immer wieder sehr gute Platzierungen als Prognostiker bekommt, sondern auch weil er weitestgehend sehr fundiert argumentiert. Zudem habe ich auch einige Veranstaltung von Unternehmen der Warburg-Gruppe besucht. (Dazu weiter unten mehr)

Die gute Nachricht – wenn denn diese Prognose zutrifft – lautet, dass es absehbar weder zur Inflation noch zur Deflation kommen werde. Allerdings scheint mir diese Aussage wenig hilfreich zur Ausrichtung einer Anlagestrategie, denn was ist „absehbar“. Ich vermutete dies bezieht sich auf einen kurzfristigeren Zeitraum von vielleicht 6 bis 12 Monaten. Viele Anleger sind keine typischen Trader und denken über diesen Zeitraum hinaus. In einem solchen Fall bietet diese Prognose nur wenig Anhaltspunkte für die Portfolio-Allokation. Wir – als FORAIM- setzten bei unserer Beratung darauf, für unsere Kunden in deren Anlageportfolio im angemessenen Umfang Kapitalanlagen zu berücksichtigen, die sowohl im Falle einer Inflation als auch im Falle einer Deflation bestehen können.

Wesentlich mehr als die Prognose selbst interessierte mich aber die Begründung, weshalb absehbar keine Inflationsgefahr bestehe:

  • Zwar sei die Zentralbankgeldmenge gestiegen, sie sei aber nicht in der Realwirtschaft angekommen
  • Die Kapazitätsauslastung sei noch gering und werde nur sukzessive zunehmen

Nun, ich finde diese Begründung stimmig. Aber ich erinnere mich an ein kurzes Gespräch im Nachgang zu einem Vortrag auf dem Fondskongress 2009, in dem ich Herrn Klude auf folgende Punkte ansprach.

Geld drucken

Geld drucken und daraus abgeleitete Inflationsgefahr war ja Anfang 2009 das Thema schlechthin. Weil ich selbst den Ausdruck „Geld drucken“ überhaupt nicht mag, denn abgesehen von den Banknoten und Münzen wird kein Geld gedruckt, sondern es wird – zugegeben in erheblichem Umfang – Geld von der Zentralbank an die Geschäftsbanken verliehen. Geld verleihen bedeutet aber zumindest theoretisch, dass es auch zurückgezahlt werden muss. Und eine solche Konstruktion der Geldschöpfung hat durchaus andere Folgewirkungen als ein „Gelddrucken“ hinter dem der Normalbürger keine weiteren Folgeverpflichtungen sieht. Zumindest gab mir Herr Klude grundsätzlich recht, dass man in diesem Sinne nicht von Gelddrucken reden könne.

Kapazitätsauslastung:

Ich glaubte Anfang 2009 nicht an die drohende Inflation. Dazu meinte ich mir weniger Gedanken machen zu müssen, ob das Geld überhaupt in den Unlauf komme. Ich sprach Herrn Klude also auch auf das Thema Kapazitätsauslastung und fehlende Nachfrage seitens der Konsumenten an. Aber es war wohl vermessen, zu glauben, die Argumente eines so wenig bekannten Volkswirtes wie ich es bin – und der dazu schon solange die Volkswirtschaftslehre nicht mehr aktiv betreibt – könnte zu einem Wandel seiner damaligen Aussagen führen.

Doch: Zeit hilft! Jetzt nach einigen Jahren kommen meine Argumente doch zum Tragen, wie dieser Beitrag in FONDS professionell zeigt.

Mein kleiner Triumpf soll aber keineswegs die Analysen und Arbeiten der M.M. Warburg abwerten. Mir ist sehr wohl bewusst, dass eine mögliche Inflation nicht allein von der Kapazitätsauslastung abhängt. Aber bei vielen möglichen Einflussfaktoren müssen zwangsläufig einige Prioritäten gesetzt werden. Und zuweilen lohnt es sich also doch, das Augenmerk auf Aspekte zu konzentrieren, die sich nicht nur in Headlines finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s