Rogoff, wie er mir gefällt. Oder warum Hochvermögende produktiv investieren sollten.


Nicht nur zwischen den Zeilen, sondern häufig auch inmitten der Texte finde ich die interessantesten Aussagen. So auch in diesem Beitrag von Kenneth Rogoff  in der Finanz und Wirtschaft: Woran kranken die entwickelten Volkswirtschaften? Rogoff bestätigt Summers in der Aussage, dass Investitionen in produktive Infrastruktur  sich langfristig durch mehr Wachstum auszahlt. Und er nennt auch gleich die Quelle für das benötigte Kapital: „Es bestehen noch immer enorme und nicht genützte Privatvermögen, die rasch mobilisiert werden könnten, um produktive Infrastrukturmassnahmen zu unterstützen.“

Die Aussage bezieht sich zwar hier auf typische Infrastrukturmassnahmen und ist insoweit nicht neu, denn wir kennen auch in Deutschland schon die private Finanzierung von Autobahnen, Brücken etc. Den Kern von Rogoffs Aussage sehe ich in der Formulierung „enorm“ und „nicht genutzte“ Privatvermögen. Hieraus ergeben sich zwei weitere Überlegungen:

„enorm!“ Dabei darf aber nicht nur die absolute Größe des Kapitals betrachtet werden, sondern muss auch die Verteilung innerhalb der Gruppe der Vermögenden in Betracht gezogen werden.

nicht genutzt!“ Bringt man diese Formulierung im Zusammenhang mit der hohen Vermögensspreizung, so stellt sich die Frage nach der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals bei sehr hohen Vermögen.

Klassisch betriebswirtschaftlich betrachtet sagt die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals aus, dass bei niedrigen Zinssätzen immer mehr Investitionen rentabel werden (1). Allerdings wird hier die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals genau genommen mit der Grenzleistungsfähigkeit der Investitionen gleichgesetzt (2). Wenn man aber den Begriff Grenzleistungsfähigkeit sehr hoher individueller Vermögen streng auf den Begriff Kapital bezieht, brauchen wir an dieser Stelle nicht weiter darüber nachzudenken, warum heute trotz niedriger Zinsen Investitionen ausbleiben. Wir können uns wieder auf Rogoffs Aussage des ungenutzten Vermögens konzentrieren. Allerdings wird die weitere Betrachtung dann normativ. Denn streng genommen, wird wohl kein Kapital ungenutzt sein, irgendwo ist das meiste Geld sehr wohl investiert. Nur ist der Nutzen in Hinblick auf  das Wirtschaftswachstum dann relativ gering, wenn das Vermögen sehr defensiv -sicher- angelegt ist. (Ein extrem defensive Anlage ist Festgeld, in großen Mengen angelegt werden kaum produktive Effekte enstehen)

An dieser Stelle sollten folgende Fragestellungen Beachtung finden und mögliche Antworten könnten zu einer Belebung der Wirtschaft führen:

  1. Wie lassen sich unterschiedliche Typologien Vermögender hinsichtlich deren Anlageziele klassifizieren?
  2. Wie lassen sich Vermögende hinsichtlich derer Fähigkeiten einordnen, erfolgreiche Anlageentscheidungen zu treffen?
  3. Welche Unterschiede gibt es im Anlageverhalten in Abhängigkeit der unterschiedlichen Vermögenshöhen?

Ein Blog ist sicher nicht der geeignete Ort diese Fragen wissenschaftlich zu beantworten. Aber ich vermute einmal, dass, wie es oft zu lesen ist, eines der wichtigsten Ziele vieler Hochvermögender der Kapitalerhalt ist. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur wenn dies in Hinblick auf die seit Jahren anhaltende Unsicherheit bedingt durch die Finanzkrise zu einem sehr hohen liquiditätsnahen Anteil an Geldanlagen führen sollte, leistet dieses Kapital kaum etwas für das Wachstum. Ein weiterer Aspekt mag dadurch entstehen, dass viele hohe Vermögen durch excellente unternehmerische Leistungen entstanden sind, aber wohl kaum jemand auf allen Gebieten (hier jetzt die Kapitalanlage) excellent sein kann. Und in diesem Fall wäre es durchaus rational, das nicht in den eigenen Unternehmen gebundene Kapital defensiv anzulegen.

Werden diese Fragen aber nicht durch Vermutungen beantwortet, lassen sich daraus durchaus Anreize für Hochvermögende ableiten, ihr Kapital für die Gesellschaft effizienter – hier im Sinne von wachstumsfördernd  – anzulegen. Dabei muss es nicht einmal um Kapitalumverteilung gehen. Im Gegenteil könnte eine darauf ausgerichtete Politik einer Verteilungsdiskussion proaktiv entgegenwirken. Zeit für einen solchen Politikansatz wäre es auf Europa bezogen eigentlich schon lange gewesen. Denn es ist schon verwunderlich, dass es in Europas Krisenstaaten nicht zu wesentlich massiveren Aufständen gekommen ist. 

Mit möglichen Anreizen das Kapital wachstumsfördernd zu investieren, meine ich keine steuerlichen Subventionen. Denn diese führen leicht zu Fehlallokationen (Steuersparmodelle). Es konnte aber schon helfen, sehr hohe nicht betrieblich gebundene Vermögen (keine Angst, ich meine nicht die „kleinen“ einstelligen Millionenbeträge) höher zu besteuern.

Die sehr Vermögenden müssten sich der Steuer nicht unterwerfen, indem sie einfach ihr Geld produktiv anlegen. Die Gefahr des Vermögensverfall wäre geringer, wenn wir unterstellen,dass in einer wachsenden Wirtschaft mehr Möglichkeiten gegeben sind, Geld „sicher“ anzulegen. Sie würden profitieren, aber auch der Rest der Gesellschaft würde durch Wachstum gewinnen, ganz profan durch Senkung der Arbeitslosigkeit und/oder höhere Löhne.

Noch zwei Anmerkungen:

Etwas unwohl fühle ich mich, weil ich das Thema Vermögen, Vermögensspreizung und Aufteilung der Kapitalanlagen bei hohen Vermögen nicht mit Zahlen unterlegt habe. Ich beziehe mich einfach auf Rogoffs Aussage und unterstelle deren Richtigkeit. (Volkswirte lieben Prämissen 🙂 )

Wachstum: Ich meine nicht das Ressourcen vernichtende und die Umwelt schädigende Wachstum. Es ist durchaus ein anderes innovatives Wachstum vorstellbar. Aber anzumerken ist auch, dass die negativen Aspekte des konventionellen Wachstums aktuell für die arbeitslosen Menschen in Südeuropa und vielen anderen Teilen der Welt wohl weniger bedeutsam sind.

_______________________________________________________________________

1 Eine Definition der Grenzleistungsfähigkeit findet sich z.B. hier in Gablers Wirtschaftslexikon

2 Nachzulesen auf makro.de “ Etwas treffender wäre die Bezeichnung Grenzleistungsfähigkeit der Investition, da es nicht um die Erträge des insgesamt eingesetzten Kapitals, sondern um die Erträge der Investition …“

2 Gedanken zu “Rogoff, wie er mir gefällt. Oder warum Hochvermögende produktiv investieren sollten.

  1. Wenn ich mein Geld lieber in totes Kapital (Grund, Gold) investiere, dann heißt das meiner Meinung nach entweder, dass das Risiko des Investors sich am Risiko des Unternehmers im Moment zu beteiligen durch ungünstige Wirtschaftsfaktoren zu hoch ist oder dass die Rendite für die Beteiligung am lebenden unternehmerischen Kapital im Vergleich zum Risiko zu gering ist. (und das kann aus einer falschen Steuerpolitik heraus resultieren)

    Ich schrieb einen Beitrag darüber im Aktien-Forum:
    http://aktien-forum.at/forum/dcboard.php?az=show_mesg&forum=124&topic_id=172232&mesg_id=172392

    Ich frage mich, wer aller „sehr hohe nicht betrieblich gebundene Vermögen“ hat.
    Hat der Autor eine Vorstellung, welche Vermögen das sein könnten?
    Wenn ich diese Vermögen einem Steuerdruck unterwerfe, führt es dazu, dass die Vermögen gezwungen werden mehr durch Investitionen zu erwirtschaften, als die Steuer von ihnen nimmt.
    Das hieße aber implizit, dass aktuell zu viel freie hohe Vermögen sehr schlecht investiert sind und nur der nötige Steuer- und Kapitaldruck zu besseren Investitionen führten.

    P.S.: Anmerkung zu:
    Klassisch betriebswirtschaftlich betrachtet sagt die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals aus, dass bei niedrigen Zinssätzen immer mehr Investitionen rentabel werden (1).

    Bei sehr niedrigen Zinsen müssten immer Investitionen reizvoller sein, aber wie gesagt, wenn bei der Investition durch zu viele Steuern nur geringer Ertrag in Aussicht steht, dann bleibt das Vermögen lieber in sicheren Häfen.

    Bei Investitionen müssen
    dem bad case ‚loose a little‘ und
    dem ‚worst case loose a lot‘

    immer entsprechend

    der good case ‚win more than a little‘ und
    der best case ‚win a lot‘

    gegenüberstehen, damit investiert wird.

    Steht zum worst case ‚loose a lot‘ bei der Beteiligung am unternehmerischen Risiko nur ein best case ‚win a little‘ gegenüber, dann weigert sich das Kapital den sicheren Hafen zu verlassen!

    1. Ich glaube wir sind nicht weit auseinander. Ich muss etwas ergänzen oder genauer formulieren. „Nicht gebundenes betriebliches Vermögen“. Gebundenes betriebliches Vermögen sollte auch zum Beispiel Aktien fremder Unternehmen, Beteiligungen etz. umfassen. Ganz einfach: Festgeld, Staatsanleihen sollte besteuert werden. Dann werden im Umkehrschluss Anlagen in produktives Kapital rentabler. Und es wäre dann auch eher eine Substanzsteuer statt Ertragssteuer.
      Die Grenze zu ziehen, ab welchem Kapital diese Steuer einsetzen sollte ist schwer zu ziehen. Um da überhaupt weiter zu denken, hatte ich die drei Fragen formuliert.
      Danke für Deinen Beitrag und Dein Interesse.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s