Jahreswechsel: Rückblick oder Vorschau? Nein, nur ein Wunsch


Jahresende, Jahreswechsel: Zeit für Rückschau und einen Blick auf das neue Jahr? Ich bin kein Journalist und ein Blog ist (fast noch) kein Ersatz der klassischen Medien. Deshalb schreibe ich lieber über einen Wunsch, denn ich allerdings bei realistischer Betrachtung eher für eine Utopie halte. Aber vorweg:

Warum keine Rückschau?

Zum einen bin ich, wie es in einigen Blogbeiträgen durchscheinen mag, skeptisch, dass man aus der Geschichte lernen könne. Dies gilt jedenfalls dann, wenn man geradewegs aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließt. Hierzu verweise ich zum Beispiel auf die Reinhart-Rogoff-Debatte.

Zum anderen gibt es ein wunderschönes Gedicht von Bertolt Brecht, das so beginnt:

Sieh Deine Gedanken sind alt und sieh

Sie sind alt

Erinnere Dich, wie gut sie einst waren!

Jetzt betrachte sie nicht mit Deinem Herzen, sondern kalt

……

Brecht fordert uns auf, im ganz persönlichen Bereich Änderungen zuzulassen. Ich glaube, diese persönliche Bereitschaft einen Wechsel zuzulassen , ist auch Voraussetzung für gesellschaftliche und ökonomische Änderungen. Wir brauchen Brecht in diesem Gedicht nur weiter folgen:

… und sage, sie sind alt.

Man denke diese Aussagen einmal ökonomisch! Wie viel Geld hätte sich sparen lassen, wären nicht unrentable Branchen mit Subventionen künstlich am Leben gehalten worden. Richtiger wäre diese Aussage noch, hieße sie: Wie viel Geld hätte sich sinnvoller einsetzen lassen, wären die Menschen damit unterstützt worden, die vom – unvermeidbaren – Strukturwandel betroffen wurden. Wenn ich hier von Strukturwandel schreibe, ist nicht allein der real-wirtschaftliche Bereich gemeint, sondern auch die Finanzwirtschaft. Man wende doch einmal Brechts Gedicht auf die Bankenkrise an und stelle sich vor:

Frau Merkel und Herr Steinbrück hätten keine Staatsgarantie für Spareinlagen versprochen, sondern zu den vielen eigentlich insolventen Banken gesagt:

… sie sind alt

Aber bekanntlich hat unsere Kanzlerin ein Gespür dafür, was die Wähler hören wollen. Und so bin ich wieder bei dem Punkt, dass Wandel schwer ist, wenn wir als relativ saturierte Bundesbürger ganz persönlich so wenig Änderung zulassen wollen (In diesem Zusammenhang: Befindet sich Brecht eigentlich noch auf den Lehrplänen der Schulen?). Also, keine Rückschau. Rein logisch bringt sie uns für die Ökonomie nur eingeschränkt Nutzen – und sie will auch nicht so recht zu meinem ganz persönlichen Bild vom Leben passen.

Warum keine Vorschau?

Subjektiv auf meine Profession als Finanzberater bezogen, ist es natürlich kontraproduktiv, keine Vorschau abzugeben. Im besten Fall sollte ich eine Vorschau liefern, die gern gehört wird. Mein Arbeitsleben wäre einfach und mein Geschäftserfolg noch einfacher. Ich müsste mich lediglich entscheiden, ob ich das Gefühl Angst oder das Gefühl Gewinnstreben (um nicht das hässliche Wort Gier zu verwenden) ansprechen will. Nur haben wir bei FORAIM ganz einfach eine Entscheidung getroffen, und die heißt Transparenz und Fairness. Beides beinhaltet, immer wieder darauf hinzuweisen: Ökonomie ist keine Naturwissenschaft. Es gibt also keine Naturgesetze in der Wirtschaft. Ingenieurswissenschaften bauen auf Physik auf. In der Physik gelten Naturgesetze. Und siehe da, deshalb funktionieren zum Beispiel Autos – meistens. Ökonomie wird durch menschliches Handeln bestimmt. Dieses unterliegt keinen Naturgesetzen, sondern vielfältigem Wandel und Interdependenzen. Deshalb ist es so schwer Vorhersagen zu treffen, die dann auch mit Gewissheit (!) eintreffen. (Hier ist es wieder wie im richtigen Leben. Wer kann zum Beispiel schon sagen, ob die große Liebe für immer währt …)

Nur zu schreiben, was nicht funktioniert oder mir nicht sinnvoll erscheint, ist allerdings wenig wegweisend. Deshalb der Wunsch. Ein Wunsch hat zumindest einen zielweisenden Charakter:

Lassen Sie uns offen sein für Veränderungen und Wandel.

Nur wenn wir Wandel und Veränderungen zulassen, können wir gestalten. Diese Aussage ist schon in sich logisch. Ich gestehe, dieser Wunsch ist etwas sehr allgemein gehalten, was wiederum seine Erfüllbarkeit erschwert. Deshalb konkretisiere ich gern in zwei Schritten:

1. Lasst uns Regulierungen gegenüber kritisch sein

Regeln sind gut und unvermeidbar für ein faires Zusammenleben in der Gesellschaft. Regulierungen sind genauer, normativer und damit einengend. Je mehr diese Kriterien erfüllt werden, um so weniger Spielraum bleibt für Veränderungen. (Hier geht es noch einmal zurück ins normale Leben: Ich hoffe auch in Ihrem Leben hat sich zuweilen etwas zum Besseren gewendet. Genau betrachtet war dies dann eine Veränderung. Und darauf hätten Sie wahrscheinlich im Nachhinein nicht gern verzichtet.)

2.Schaffen wir doch Regulierungen auf jeden Fall dann ab, wenn diese uns Wissen vorenthalten.

Jetzt bin ich wieder ganz bei meinem eigentlichen Thema, der Finanzberatung. Warum ist es zum Beispiel notwendig, uns als Finanzberatern zu untersagen, bestimmte Informationen über Funktionsweisen und Hintergründe weiterzugeben, die wir zum Beispiel von Investmentfondsgesellschaften erhalten. Warum wird durch die BAFin die Informationsweitergabe eingeschränkt? Denn sie unterscheidet zwischen „normalen“ Privatanlegern und „geeigneten Personen“ und verfügt „dass solche Informationen, die ausschließlich für professionelle Kunden oder geeignete Gegenparteien bestimmt sind und die deshalb nicht alle Anforderungen des § 4 WpDVerOV erfüllen, nicht auch Privatanlegern zugänglich gemacht werden“. (1)

Wissen und Kenntnisse sind notwendig für qualifizierte und gestaltbare Veränderungen. Nur, warum wird dann auch Wissensweitergabe reguliert? Als Antwort hilft möglicherweise nur Ironie:

Es heißt zwar immer wieder: Jeder solle ein Recht auf Bildung haben. Aber so wie ein Politiker einmal ein Supergrundrecht Sicherheit formuliert hat, steht dem Recht auf Bildung vielleicht ebenso ein Superrecht voran: auf eine einfach normierte Darstellung von Finanzprodukten, die bei genauer Betrachtung niemals einfach sein können. 

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(1) Hierzu hatte ich vor längerer Zeit auf Xing einen Beitrag geschrieben.

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