Ökonomie und Psychoanalyse. Passt das zusammen?


Die Initiative ging von den Psychoanalytikern aus.Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung hatte zu einem interdisziplinären Gespräch Ökonomen eingeladen, darunter George Soros und den japanischen Ökonomen Richard Koo. Bei nur 5 Teilnehmern lässt sich selbstverständlich kein repräsentativer Schluss ziehen, dennoch ist das Fazit des TAZ-Artikel ernüchternd, und zeigt vielleicht auch, vor welchen großen Aufgaben eine Volkswirtschaftslehre steht, die die Ökonomie nicht nur beschreibt, oder die Dogmatismen verbreitet, sondern die uns die Wirtschaft so erklärt, dass sich sinnvolle Handlungsanweisungen ergeben.

Das Fazit in der TAZ lautet: „Die Eurokrise kann nur bewältigt werden, wenn es eine gemeinsame Analyse der Probleme gibt. In Frankfurt gelang dies nicht einmal innerhalb der akademischen Elite.“

Ich habe zuweilen den Eindruck, dass in der Ökonomie nicht ausreichend berücksichtigt wird, dass die Wirtschaft in letzter Konsequenz ausschließlich durch menschliches Handeln bestimmt wird. Dann aber hat die Idee einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Psychoanalyse und Volkswirtschaft durchaus Charme. Dies mag zwar einigen Ökonomen möglicherweise nicht gefallen: „Mit einer weichen (Geistes-)Wissenschaft zusammenarbeiten, wo wir die Ökonomen doch so schön rationale Modelle haben..“ (2)

Nun wird man einwenden können, dass es bereits eine volkswirtschaftliche Richtung gibt, das menschliche Verhalten und deren psychologische Aspekte berücksichtigt: Behavioral Finance. Aber die Verhaltensökonomik ist primär dadurch geprägt, dass sie Verhaltensanomalien (3) beschreibt. Übrigens: Mit diesem Begriff wird typisches menschliches Verhalten als Abweichung von der Regel (das wäre dann das rationale Verhalten) bezeichnet.Fällt der Widerspruch auf?

Eine Beobachtung und Beschreibung ist zwar notwendige Ausgangsbasis für viele Wissenschaften. Sie ist aber nicht ausreichend, wenn sie nicht erklärt, was die Ursachen der jeweiligen Verhaltensweisen sind. Ich gebe zu, „Menschen“ sind schwer zu erklären. Und ob die Psychoanalyse dies jemals können wird, mag zweifelhaft sein. Aber immerhin könnte sie möglicherweise interessante Arbeitshypothesen hervorrufen. Eine mögliche Arbeitshypothese hat Soros genannt: „Für die Psychoanalytiker hatte Soros einen Arbeitsauftrag: Sie sollten erforschen, wie sich die Doppeldeutigkeit des deutschen Worts „Schuld“ auswirkt.“

Diesen Auftrag sollte man möglicherweise erweitern. Schuld und Angst gehören oft zusammen. Und Angst ist sicherlich generell ein Motiv für Handlungsweisen, die sich wirtschaftlich auswirken,und dies zum Teil mit sehr negativen Ausprägungen.  Als Beispiel sei hier die Angst vor einem Bankencrash genannt. Die Folgen der ergriffenen Maßnahmen zur Bankenrettung um fast jeden Preis werden die Sparer jedenfalls noch länger in Form der niedrigen Zinsen spüren. Zum Thema Angst hat Gion Condreau eine sehr schöne Aussage getroffen: „Angst vor dem Tod, ist auch Angst vor dem Leben“(4). Ich glaube, es könnte hilfreich sein, hier eine Analogie zu unseren wirtschaftlichen Ängsten zu ziehen.

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(1) Bericht der TAZ zu einem interdisziplinären Gespräch zwischen Psychoanalytikern und Ökonomen

(2) Dies ist nur ein vermutetes Zitat 🙂

(3) Der Begriff der Anomalien des Verhaltens findet sich z.B. hier

(4) Kindlers Enzyklopädie, Der Mensch, 1981, Zürich, S. 580

2 Gedanken zu “Ökonomie und Psychoanalyse. Passt das zusammen?

  1. Man kann immer postulieren, daß Ökonomie aus menschlichem Handeln besteht, was ja auch der Grund für den in der Ökonomie gepflegten methodologischen Individualismus ist. Diese Sichtweise ist jedoch zum Dogma verkommen, so daß es für die Ökonomie nicht mehr möglich ist Sachverhalte zu analysieren, die sich aus der Komplexität von Wirtschaft ergeben. Im Grunde versucht die ‚mainstream‘-Ökonomie einen Menschen zu beschreiben, indem eine einzelne Zelle als Grundlage zur Ableitung des „Verhaltens“ des Gesamtorganismus herangezogen wird. Das ist, mit einem Wort, nur eins: lächerlich!

    Statt aber das Dogma über Bord zu werfen wird nun versucht das Innenleben der Zelle zu analysieren, um dort erforschen zu können, warum der Gesamtorganismus z.B. sprechen kann, denn die Zelle kann das nicht. Statt also den systemischen Charakter ihres Untersuchungsobjektes zu akzeptieren, versteift sich die Ökonomie wie ein bockiges Kind darauf, mit seiner Sicht der Dinge Recht zu haben, auch wenn es einige vielversprechende Entwicklungen gibt, die Ökonomie nicht mehr aus dem Individuum heraus erklären müssen. Im Grunde genommen liegt das daran, daß das Individuum die Gesamtheit der Rückwirkungen, die sein eigenes Handeln hat, nicht zur Kenntnis nehmen kann, weil diese zu wenig „fühlbar“ sind. Diese Informationsschwelle kann auch nicht überwunden werden, da es sich für den einzelnen nicht lohnt, die Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen. Dennoch kann die Summe aller unbewußten Entscheidungen zu erheblichen ökonomischen Effekten führen.

    Und das ist der Unterschied: die ‚behaviourals‘ gehen davon aus, daß sie, indem sie das Einzelverhalten untersuchen, Hinweise auf die Entwicklung von Gesamtheiten machen könnten. Das würde jedoch voraussetzen, daß das Individuum bewußt hinsichtlich der vollständigen Menge der Konsequenzen seiner Handlungen handelt. Und nun wird es deutlich: einen derartigen Anspruch zu erheben ist nur eins: vermessen. Denn dieser kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn man das Informationsproblem wegdefiniert. Wenn man so will ist die „Verhaltensökonomie“ nichts anderes als ein neuer Aufguß der ‚rational expectations‘ des Monetarismus Mark II.

    Mit einem Wort: die „Verhaltensökonomie“ ist ein totes Gleis der Forschung!

    1. Diese Aussage gefällt mir: „Im Grunde versucht die ‘mainstream’-Ökonomie einen Menschen zu beschreiben, indem eine einzelne Zelle als Grundlage zur Ableitung des “Verhaltens” des Gesamtorganismus herangezogen wird“. Sie ist pointiert und weist auf die Komplexitätsökonomik hin. Diese Richtung kann meiner Einschätzung interessante und anwendbare Erkenntnisse bringen. Hierbei würde wohl der Aspekt berücksichtigt “ daß das Individuum die Gesamtheit der Rückwirkungen, die sein eigenes Handeln hat, nicht zur Kenntnis nehmen kann, weil diese zu wenig “fühlbar” sind. “ Da muss ich meine unterschwellige Kritik an der Ökonomie etwas zurücknehmen. Vielleicht sollte man sie als Kritik an der Ökonomie nehmen, so wie diese medial in die Nicht-Fachwelt dringt.
      Nun habe ich auch kein Plädoyer für Behavioral Finance gehalten, sondern vielleicht nicht deutlich genug deren Beschränkungen gezeigt. Wußte übrigens nicht, dass dies Mainstream ist. Ist schon etwas alt der Ansatz 🙂
      Meine Überlegungen stellten etwas mehr auf eine Utopie ab, dahingehend dass etwas mehr Bewusstsein und Reflexion des einzelnen Wirtschaftsobjektes der Wirtschaft als Ganzes hilfreich sein könnten. Mir schon klar, dass ich dann fast beim homo oeconomicus bin. Zudem beinhaltet dies etwas „Normatives“. Dies ist sicherlich nicht klassisch wissenschaftlich, aber es sei als Kontrapunkt zu einigen Veröffentlichungen einiger Volkswirte erlaubt.
      Fazit: Ich bleibe schon bei der Postulierung: „Ökonomie besteht aus menschlichem Handeln“ gestehe aber zu, dass dieses Postulat auch (noch längere Zeit) keine Ausgangsbasis für „gute“ Ökonomie sein kann. Nebenbei muss ich noch einmal sagen, dass mir Ihre Argumentationen zu vielen ökonomischen Fragen ausgesprochen gut gefallen und für jemanden wie mich, dessen Studium soweit zurück liegt, immer sehr anregend ist.

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