Mini-Zinsen: Tatsächlich eine Enteignung der Sparer. Oder war es sogar anders herum?


enteignetZu recht kann man wohl sagen, dass der „typische“ Sparer sein Geld bei Banken als Fest- oder Termingeld anlegt oder eine konventionelle Lebens- oder Rentenversicherung abgeschlossen hat. Zweifelsohne ist dieser Sparer von dem aktuellen Niedrigzinsniveau betroffen. Aber sollte man deshalb von einer Enteignung sprechen? (So wie dies „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe tituliert.)

Vielleicht war und ist die Geschichte ganz anders? Eine Enteignung haben die Sparer in Zypern erlebt. Hier ist tatsächlich Sparguthaben dezimiert worden, und nicht nur deren Erträge (Zinsen) sind gesunken. Auch wir hätten das Schicksal der Zyprioten erleben können. Es ist aber gerade (noch einmal?) gut gegangen, warum?

  • Dank einer „mutigen“ Fernsehrede von Frau Merkel und Herrn Steinbrück mit einem Versprechen, welches jeglicher Rechtsgrundlage entbehrte (1)
  • und in Folge einer Versorgung der Geschäftsbanken mit ausreichender Liquidität durch die Notenbanken zu niedrigsten Zinsen. (Hätten die Banken in dieser Situation überhaupt hohe Zinsen zahlen können?)
  • und einem von der EZB gesteuerten weiterhin niedrigen Zinsniveau, welches es den Staaten erlaubt, ihre Zinszahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Zwar war die Staatsverschuldung schon vor der Bankenrettung hoch. Aber in Folge der Bankenrettungen sind zusätzliche Verpflichtungen auf die Staaten zugekommen.

Wer jetzt aus dem Niedrigzinsniveau eine Enteignung der Sparer folgert, sollte der Fairness halber hinzufügen, dass ohne diese Niedrigzinsen die Enteignung vielleicht schon 2008/9 erfolgt wäre. Aber folgende Schlagzeile verkauft sich nicht so gut: „Dank Minizinsen Enteignung der Sparer abgewendet!“

Eine Enteignung wird auf Wikepedia wie folgt definiert: „Als Enteignung (im 19. Jahrhundert entlehnt aus frz. expropriation, zu lat. proprius „eigen, eigentümlich“) bezeichnet man juristisch den Entzug des Eigentums an einer unbeweglichen oder beweglichen Sache durch den Staat, im Rahmen der Gesetze..“

Zinsen sind laufende Erträge, die aus dem Eigentum stammen. Genauer betrachtet stellen Zinsen Zahlungsansprüche gegenüber dem Schuldner dar. Diese Zahlungsansprüche werden erst dann Eigentum, wenn sie zugeflossen sind. Schon damit können niedrige Zinsen keine Enteignung sein.

Leider hat es sich bei ökonomischen Fragen eingebürgert, mit assoziativen Begriffen oder Bildern zu arbeiten. (Ich denke dabei immer wieder an das Bild „Geld drucken“, statt richtig zu formulieren, dass die Zentralbanken „Geld verleihen“). Ökonomen, die wissen, was hinter diesen Bildern steht, können diese Begriffe untereinander ja gerne verwenden. Sie sollten es aber vermeiden, diese gegenüber der Öffentlichkeit, die nicht über deren Hintergrundwissen verfügt, zu verwenden. Denn allzu leicht besteht damit die Gefahr, dass diese Aussage falsch interpretiert werden.

Also: Minizinsen „enteignen“ Sparer nicht. Andererseits muss man hinzufügen: „noch nicht“. Tatsächlich könnten die Niedrigzinsen letzendlich doch zu einer Enteignung (zwar nicht unbedingt per Gesetz, aber faktisch) führen. Diese Gefahr besteht aber paradoxerweise dann im besonderen Ausmaße, wenn die Zinsen steigen. Wie wir in anderen Beiträgen (2) gezeigt haben, können starke Zinssteigerungen zu massiven Verluste bei Wertpapierbeständen von Banken, Lebensversicherungen und Pensionseinrichtungen führen. Sind diese Kursverluste dann so hoch, dass die Institute in Insolvenz gehen müssen, erleben die Sparer tatsächliche eine Enteignung. Hoffen wir also, dass es nicht so bald korrekte Schlagzeilen gibt, wie diese: „Zinssteigerungen enteignen Sparer“

Nachsatz: Sollten Sie nicht unserer Meinung sein, so müssen die Minizinsen dennoch keine Enteignung für Sie darstellen. Denn Sie haben die freie Wahl, wie Sie ihr Geld anlegen. Selbstverständlich beraten wir Sie hierzu gerne.

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Anmerkungen:

(1)  Zur Bewertung der Staatsgarantie:

Blick Log berichtet über eine Anfrage zur Staatsgarantie

Aussagen von Herrn Steinbrück zu der Staatsgarantie auf unserer Homepage

(2) Wie hoch das Verlustpotential bei festverzinslichen Wertpapieren sein kann, lesen zum Beispiel in diesem Beitrag

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