Soll ich mich versichern? Wie wahrscheinlich ist denn…


Verständlich, dass diese Frage häufiger vor dem Abschluss einer Versicherung gestellt wird. Da wird uns ein in der Gesundheit oder in unserem Vermögen schädigendes Ereignis vor Augen geführt, welches vielleicht irgendwann in Zukunft eintritt. Aber ob es tatsächlich eintritt, wissen wir nicht.

WahrschWohl nur sehr wenige Menschen treffen gern Entscheidungen unter Ungewissheit. Dies wissen natürlich auch die Versicherungen und deren Vertreter. Allerdings, sie möchten gerne eine Entscheidung – noch lieber möchten sie aber eine Unterschrift – und haben also Mittel und Wege gefunden, mit deren Hilfe sie ihren Erfolg suchen. In der Vergangenheit wurde hauptsächlich mit „Angst“ argumentiert. Nun sind die Menschen zwischenzeitlich aufgeklärter und verhalten sich rationaler (?). Von daher ist diese Argumentationslinie in den Hintergrund getreten.Stattdessen wird auf die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines -hoffentlich- vom potentiellen Kunden befürchteten Ereignis hingewiesen. Wie schön, so können sich erwachsene Menschen ganz rational und überlegt über das Thema Versicherungen austauschen und gemeinsam zu einer guten und vernünftigen Entscheidung gelangen.

Tatsächlich? Wer über Wahrscheinlichkeiten und Statistik redet, begibt sich auf eines der schwierigsten Felder, die ich kenne. (Deshalb möchte ich hier auch sehr zurückhaltend argumentieren 🙂 )

Was besagt denn folgende Aussage: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als 40-jähriger Mann bis zu Ihrem 65. Lebensjahr berufsunfähig werden, beträgt 39% (1).

Sie sagt zu nächst nur, dass jeder 2,56-ste 40-jährige Mann innerhalb der nächsten 25 Jahre von diesem Ereignis betroffen sein wird. Allerdings ist schon diese Aussage mit Einschränkungen zu betrachten:

Wahrscheinlichkeiten beruhen auf in der Vergangenheit erhobene Daten. Nur wenn alle Umstände, die in dem Zeitraum der Datenerhebung genauso auch in Zukunft gelten werden, kann gesagt werden, dass diese Wahrscheinlichlkeit auch für die Zukunft gilt.

Ob sie selbst davon allerdings betroffen sein werden, bleibt ungewiss. Dabei ist es gleichgültig, ob die Wahrscheinlichkeit 1% oder 99% beträgt. Welchen Wert haben also Wahrscheinlichkeiten für unsere Entscheidungsfindung, ob es sinnvoll ist, eine bestimmte Versicherung abzuschließen oder eben nicht abzuschließen?

Einen Hinweis gibt Hans Magnus Enzensberger, der auf eine Abhandlung von Elena Esposito verweist. Danach seien Prognosen, die auf Wahrscheinlichkeitsüberlegungen basieren immer Fiktionen. Oder noch deutlicher (2):

„Zukünftige Ereignisse treten nämlich nicht zu neun oder zu 99%, sondern entweder ganz oder gar nicht ein“

Was nutzt es Ihnen nun, die Wahrscheinlichkeit eines möglichen Ereignisses zu kennen, um sich gegen dessen finanziellen Folgen zu versichern? Sie können sich denken, etwas komme häufig vor und sei deshalb besonders gefährlich (dann ist ihr Glas halb leer). Sie können auch optimistisch veranlagt sein (ihr Glas ist dann immer halb voll). Wobei diese „Denkweise“ zwar hilfreich erscheinen mag. Nur sie hilft Ihnen nicht zu sagen, ob sie von dem Ereignis betroffen sein werden. Die persönliche Prognose für sie bleibt sehr klar: entweder sie werden berufsunfähig oder nicht. (Das gilt natürlich nur für eine Berufsunfähigkeit sondern auch für einen Wohnungsbrand, der ihr Hab und Gut vernichtet, einen Pflegefall und und …)

Auf diesem Weg -über die Eintrittswahrscheinlichkeit eines möglichen Ereignisses- können Sie keine streng rationale Entscheidung fällen. Wie wäre es einmal anders?

  • Sie schätzen ein, welche finanzielle Kosten der Eintritt des möglicherweise zu versichernde Ereignis verursachen würde.
  • Sie beurteilen, ob sie diese Kosten tragen könnten (und wollen)
  • Falls dies nicht der Fall sein sollte, klären sie vorab, ob ein Dritter (Ihre Eltern, Ihre Kinder, ein reicher Freund oder das Sozialamt) diese Kosten übernehmen würde und sie dies wollen

Mit dieser Vorgehensweise treffen sie eine rein rationale Entscheidung. Übrigens: Sie würden sich auch von der Masse abheben! Zu eher von der Masse geliebten Versicherungen gehören: Reisegepäckversicherungen, Zahnzusatzversicherungen, Glasversicherungen … zu den eher von der Masse nicht geliebten Versicherung gehören Pflegeversicherungen.

Nachtrag:

Sie finden auch bei uns hier im Blog Wahrscheinlichkeiten im Zusammenhang mit Versicherungen.  Warum? Auch hierzu zitiere ich noch einmal aus dem oben genannten Buch: “ „Eine korrekt berechnete Wahrscheinlichkeit ist auch dann korrekt, wenn sie sich nicht verwirklicht“,sagt sie (Anmerkung Frau Esposito) – „und vielleicht ist sie gerade deshalb nützlich..“ (3)

Bezogen auf unser ganz persönliche zukünftiges Leben können Wahrscheinlichkeiten nur Fiktionen sein. Wir verwenden also diese Fiktionen, um mögliche Szenarien aufzuzeigen. Das hilft, um sich im Dschungel der Ungewissenheiten im Leben zu orientieren. Und vielleicht auch einmal an Risiken zu denken, dessen finanziellen Folgen man absichern kann. Allerdings empfehlen wir dann nicht unbedingt, dieses Risiko tatsächlich zu versichern, sondern helfen Ihnen eine rationale Einschätzung hinsichtlich der Kosten dieses Ereignisses zu finden. Und wenn Sie dann noch von uns eine fundierte Erörterung ihrer Vermögensverhältnisse und deren künftigen Entwicklungsszenarien erhalten, können Sie Schadenswahrscheinlichkeiten getrost vergessen.

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Anmerkungen

(1) Quelle: Statista

(2) Hans Magnus Enzensberger: Fortuna und Kalkül. Zwei mathematische Belustigungen. Suhrkamp 2009, Zitat hier S. 38

(3) ebenda, S.39

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