Microfinanzfonds: Risikoklasseneinstufung reduziert, aber nicht das grundsätzliche Risiko


vor einigen Tagen habe ich die Meldung zum ersten in Deutschland für den öffentlichen Vertrieb zugelassenen Microfinanzfonds Invest In Visions (IIV Mikrofinanzfonds, WKN A1H44T) getwittert, das für diesen Fonds eine Herabstufung der Risikoklasse nach SRRI (1) von 3 auf 2 erfolgt ist. Wie schön für Anleger: „Jetzt können sie nicht nur ethisch korrekt, sondern auch gefahrlos anlegen“. Ich meine diese Schlussfolgerung ist so nicht korrekt, was die Risikoeinschätzung angeht (2).

Anleger sollen durch die „Wesentlichen Anlegerinformation“ (KID) geschützt und in verständlicher Sprache über Investmentfonds informiert werden. Im aktuellen KID zu diesem Microfinanzfonds heißt es in Bezug auf die Risikoklassifizierung:

investinTatsächlich wird hier verständlich geschrieben, aber zugleich wird eine falsche Kausalkette unterstellt. Zunächst fehlt der zeitliche Aspekt:

  • Es sollte nicht heißen: … weil sein Anteilspreis wenig schwankt …
  • Richtig müßte es heißen: …. weil sein Anteilspreis (bisher) wenig geschwankt hat…

Würde „richtig“ formuliert, so müßte sich ein Anleger fragen, ob nur die vergangene Entwicklung dieses Fonds für die geringe Schwankungen verantwortlich ist (was natürlich Nonsense ist) oder es andere Gründe gibt. Und nur wenn diese anderen Gründe auch in Zukunft Bestand haben, lässt sich herleiten, dass das Verlustrisiko gering sein wird.

Zunächst einmal muss man konstatieren, dass diejenigen Mikrofinanzfonds, die Endkunden erwerben können, bisher nur sehr geringe Schwankungen aufwiesen. Anmerkung: Von den hier genannten Fonds darf nur der Invest-In-Vision in Deutschland öffentlich angeboten werden (in anderen Ländern wie Österreich gibt es auch andere Angebote). Aber es geht an dieser Stelle nicht um eine Empfehlung, sondern nur um eine generelle Betrachtung der Anlageklasse. Das Fondsauswertungsprogramm FVBS bietet einen Vergleich von 4 Mikrofinanzfonds:

Die Entwicklung aller 4 Fonds stellt sich sehr gleichmäßig und schwankungsarm dar. Zum Vergleich ist eine Festzinsanlage durch die schwarze Linie dargestellt.
Die Entwicklung aller 4 Fonds stellt sich sehr gleichmäßig und schwankungsarm dar. Zum Vergleich ist eine Festzinsanlage durch die schwarze Linie dargestellt.

Leider sind die meisten Fonds erst seit ca. 2011 verfügbar. Für einen der Fonds gibt es allerdings eine Kurshistorie seit 2005. Die nachfolgene Grafik vergleicht diesen Fonds mit 2 weiteren Anlageklassen: Der Durchschnitt der  Mischfonds Deutschland ist grau dargestellt, offene auf Europa konzentrierte Immobilienfonds sind rot dargestellt.

vglmiDie Auffälligkeit des Gleichlaufs der offenen Immobilienfonds zumindest bis 2008 zum Microfinanzfonds ist auf den ersten Blick verblüffend. Sie erklärt sich aber einfach. Ein Blick in den Verkaufsprospekt zum Beispiel des Invest-In-Visons hilft:

333Nicht an der Börse gehandelte Schuldverschreibungen und ähnliche Papiere stellen die Hauptanlageform der Microfinanzfonds dar. Die Analogie zu offenen Immobilienfonds liegt darin, dass deren Hauptinvestments „nicht an der Börse gehandelte“ Immobilien sind. Anders als bei Mischfonds, dessen Aktien und Rentenpapiere laufend an der Börse gehandelt werden, liegt also weder bei Microfinanzfonds noch bei offenen Immobilienfonds eine laufende Marktbewertung vor. Verluste können sich also erst dann zeigen, wenn die Assets vorzeitig verkauft werden oder wenn einer der Kreditnehmer des Microfinanzfonds ausfällt.

Es ist daher wichtig, dass der Anleger sich nicht auf eine Zahl, hier die Risikokennziffer nach SRRI verlässt, sondern sehr genau die weiteren im KID beschriebenen Risiken einschätzt:

hhhiHier dürfte dem durchschnittlichen Anleger die Risikoeinschätzung allerdings wesentlich schwerer fallen.

Fazit: Eine gleichförmige positive Wertentwicklung einer Anlage ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn ein Emittent das Marktrisiko übernimmt (so könnte man die gleichmäßige Wertentwicklung von z.B. Festgeldern erklären) und/oder die Anlage nicht täglich gehandelt wird (offene Immobilienfonds, aber auch geschlossene Fonds, wenn man den Zweitmarkt außer Acht lässt). Diese Aussage ist nun aber nicht nur negativ zu verstehen, denn es gibt durchaus Gründe derartige Anlagen in einem persönlichen Portfolio zu integrieren. Nur sollte für derartige Anlagen ein „realistisches“ Verlustrisiko vorab eingeplant werden, und zudem darf das Liquiditätsrisiko nicht vernachlässigt werden.

Grundsätzlich halten wir aber Microfinanzinvestmentfonds für eine interessante und „gute“  Anlageklasse. Der Anleger sollte allerdings genau prüfen, ob er die möglichen Risiken tragen möchte, und der Anteil dieses Investments an dem Gesamtdepot muss sehr genau geprüft werden.

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Anmerkung:

(1) Zur Risikoklassifizierung haben wir auch geschrieben: Hilft die Orientierung an Risikoklassen bei der Investmentfondsauswahl? Beispiel: Defensive Anlagestrategie  Die SRRI Skala reicht von 1 bis 7, wobei 7 die höchste Risikoklasse darstellt.

(2) Es wird zwar auch der ethische Aspekt kontrovers diskutiert. Dieser Aspekt soll hier allerdings nicht näher erläutert werden. Meine persönliche Meinung geht aber in die Richtung, Mikrofinanz tendentiell als ethisch positiv zu beurteilen.

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