Brauchen wir Banken?


Am 2. November habe ich auf dem Hamburger Börsentag den Vortrag „Brauchen wir Banken?“ gehalten. Weil einige Twitter-Freunde, die ja nicht gerade alle in Hamburg leben, gerne das nicht vorhandene Handout haben wollten (ich referiere in der Regel frei und orientiere mich nur an einigen Folien), fasse ich hier den Vortrag (mit einigen Ergänzungen) zusammen- natürlich nicht nur für Twitter-Freunde:B1_________________________________________________________________________

b2Um diese Frage zu beantworten, betrachten wir zunächst die Banken so, wie ein Investor jedes andere Unternehmen auch analysieren würde. (In gewissen Sinn ist jeder von uns, der Geld bei einer Bank anlegt ein Investor der Bank. Ich zeige es gleich noch näher auf). Um ein Unternehmen zu analysieren bietet sich die Betrachtung der Bilanz an: Die rechte Seite der Bilanz gibt Auskunft daüber, von wem die Bank die Geldmittel erhält, mit denen sie dann arbeitet. Für uns, die wir alle ein Konto haben, und für die meisten von uns, die Festgelder und Tagesgelder haben, ist zunächst die Passiva Seite interessant. Dort befinden sich unsere Festgelder. Sie stellen „Schulden“ der Bank gegenüber deren Kunden dar. Die linke Seite der Bilanz zeigt auf, was die Bank mit den ihr anvertrauten Gelder unternimmt, um Erträge zu erwirtschaften (Aktiva = Mittelverwendung). Eigentlich ist es ganz einfach: Sie vergibt Kredite und legt – auch das von den Sparen als Festgeld zur Verfügung gestellte Geld –  in Aktien, festverzinslichen Wertpapieren  und vielem mehr an. Dies könnte die Anleger, wie ich zeigen werden, auch selbst ohne die Bank machen.

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Generell kann man sagen, daß wir möglichst effektive Unternehmen brauchen. Ist nun  eine Bank effektiv im Vergleich zu anderen Unternehmen?

b3Wenn man den Gewinn in Relation zur Bilanzsumme setzt, sieht das Ergebnis für Banken extrem mager aus.Bezogen auf die Bilanzsumme fällt das Ergebnis von VW zum Beispiel 27,5 mal besser aus. Mit dem den Banken (stichtagsbezogen; Bilanzen sind immer stichttagsbezogen) zur Verfügung stehenden Mitteln wird also ein sehr geringer Gewinn erwirtschaft. Und wenn wir bedenken, dass allein die Bilanzsumme der Deutschen Bank fast 72 % unseres Bruttoinlandsprodukt ausmacht, sieht das Ergebnis noch bedrückender aus: Die Deutsche Bank benötigt also die Geldsumme, die wir alle innerhalb von ca. 9 Monaten im Jahr erwirtschaften, um einen Gewinn zu erzielen, der 0,12% dieser Summe ausmacht! Übrigens haben wir die Deutsche Bank nur als Beispiel gewählt, dieses Phänomen gilt generell. Siehe dazu in der Graphik den Gewinn der Bank of America.

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b4Eine Besonderheit des Bankensektors liegt darin – und das ist unser Meinung ein wesentlicher Grund für die Bankenkrise gewesen – dass Banken in hohem Umfang Geschäfte unter sich machen. Kredite von Banken an Banken hatten in Deutschland im Jahr 2012 einen Anteil von 28% an der Bilanzsumme aller Banken. Wir wollen hier nicht die Besonderheiten  dieses Sektors diskutieren, denn es gibt zum Teil durchaus berechtigte Gründe hierfür, aber weil die Frage allgemein und sehr offen gestellt wurde „Brauchen wir Banken?“ muss im Vergleich zu anderen Branchen doch die Frage gestellt werden, ob VW 28% seiner Bilanzsumme als Kredit an direkte Konkurrenten geben würde?

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Hintergrund unserer Frage ist auch die Überlegung, daß jedes Produkt, jedes Unternehmen und fast jede Branche einem Lebenszyklus unterliegt: „Irgenwann entsteht etwas und irgendwann verschwindet es.“ Ich glaube, dass es – wenn wir den Begriff Unternehmen etwas weiter fassen und Unternehmen als Organisationen verstehen – eigentlich nur eine Ausnahme von dieser Regel gibt:

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b6Die Ausnahme von dem Lebenszyklus einer Organisation scheint die Institution Kirche zu sein. Wenn aber Milliardenbeiträge zur Rettung von Banken aufgewendet wurden, muß wohl ein gesellschaftlicher und/oder politischer Konsens bestehen, dass wir Banken brauchen. Anscheinend sollen somit auch Banken neben der Kirche nicht dem „natürlichen“ Lebenszyklus unterliegen. Gibt es also Parallelen zwischen Banken und Kirche? Etwas locker gesagt, betrifft diese Frage das Thema Glaube.

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Es gibt unserer Beobachtung nach einen sehr starken Glauben an die Sicherheit der Bankeinlagen, wie Sparbücher, Festgelder (und hat schon einmal jemand an die Sicherheit seiner Girokontenguthaben gedacht?). In einzelnen Gesprächen tritt zwar schon einmal kurzfristig Zweifel auf, der auch rational  begründet wird,  aber vor die Entscheidung gestellt, sein Geld in Alternativen zum Festgeld anzulegen, wird dann doch häufig Festgeld vorgezogen. Der Glaube ist eben stärker. Anders aber als beim religiösen Glauben – Gott lässt sich nicht beweisen – gibt es Fakten, die gegen den Glauben an die Sicherheit der Spareinlagen sprechen:

b7Weil Sie auch nicht an Folien glauben sollten, finden Sie unten auf dieser Seite Links zu den Fakten (1). _________________________________________________________________________

Ich bin grundsätzlich optimistisch! Somit ist es denkbar, daß die Ratio siegt und der nicht berechtigte Glaube (an die Sicherheit unserer Gelder bei den Banken) schwindet. Dann wird aber die Frage auftreten, ob es trotz aller Schwächen der Banken für den Anleger und auch für den Kreditnachfragenden überhaupt Alternativen gibt?

Und diese stehen schon heute zur Verfügung:

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  • Peer-to-Peer-Lending:  In diesem Fall werden  Kredite  von Privatpersonen  an  Privatpersonen ohne Einschaltung einer Bank vergeben.  Die rechtliche  Kreditvergabe erfolgt in der Regel direkt, die Vergabe wird aber durch Internetplattformen organisiert.
  • Crowdinvesting:  Anleger beteiligen sich –noch überwiegend – an jungen Unternehmen. Dies ist in unterschiedlichsten Rechtsformen wie stillen Beteiligungen, Genussrechten oder bestimmten Darlehensformen möglich. Auch hier gibt es eine Vielzahl von Internetplattformen, über die Kapitalanleger und Kapitalsuchende zusammengebracht werden.
  • Bitcoins: Hier handelt es  sich um virtuelles „Geld“ (welches Geld ist nicht virtuell?), das im Internet unter Ausschaltung der Zentralbanken geschaffen wird. Von staatlicher Seite wird diese Geldform akzeptiert, soweit dem Staat hieraus Nutzen entsteht. In Deutschland fällt auf Gewinne, wenn Bitcoins unter einem Jahr gehalten wird, Abgeltungssteuer an. Noch diskutiert wird, inwieweit Umsatzsteuer beim Handel mit Bitcoins anfällt (2). In den USA soll es zulässig werden, Wahlkampfspenden in Form von Bitcoins zu gewähren (3). Allerdings vermeidet man es dort Bitcoins als Geld zu bezeichnen. (Es wäre ja auch ein Ding, wenn das Monopol zur Geldschöpfung durch die Fed fällt 🙂 )
  • Copy-Trading: Empfehlungen zur Geldanlage war in der Vergangenheit etwas, zudem viele Anleger Ihren Bankberater fragten. Heute ist es möglich, online unterschiedlichste Anlagestrategien zu verfolgen und diese 1:1 zu übernehmen.
  • PayPal: Ist ein Online-Bezahlsystem und ersetzt damit in gewissen Bereichen die Funktionen des Girokontos. Überraschend ist die weite Verbreitung mit 230 Millionen Nutzern in 193 Länder.
  • Mittelstandsanleihen-Plattformen:  Auch diese Alternative zur Bank für eine gewerbliche Kreditaufnahme wird internetbasiert angeboten und abgewickelt.
  • Social Lending: Eine alternative Bezeichnung für Peer-to-Peer Kredite. Dieser Begriff wäre aber noch passender für den privaten Verleih von Gegenständen. Das berühmte Beispiel ist hier der Verleih der selten genutzten Bohrmaschine. Was in der Vergangenheit eine Nachbarschaftshilfe war, wird heute online vermittelt.
  • Finanzierungen durch Versicherungen: Altbekannt ist die Gewährung von Immobilienkrediten durch Lebensversicherungsgesellschaften. Musste man in der Vergangenheit hierzu eine Versicherung abschließen, bieten viele Versicherungsgesellschaften derartige Darlehen heute auch isoliert an. Ebenfalls prüfen die Gesellschaften vermehrt die Vergabe von gewerblichen Krediten.
  • Investmentfondsplattformen: Geldanlagen in Investmentfonds müssen schon lange nicht mehr bei Banken getätigt werden. Es gibt inzwischen ausreichend Plattformen, die ausschließlich dieses Geschäft betreiben.

Ich warte also nicht allein, daß die Vernunft über den Glauben siegt. Viele Entrepreneure, aber auch etablierte Unternehmen wie Versicherungsgesellschaften, sehen es ebenso. Weshalb sonst sollten sie bereit sein, gegen die mächtige Konkurrenz der Banken anzutreten?

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b10aAm Beispiel des Peer-to-Peer-Lending will ich die rasante Entwicklung der Alternativen zu Banken aufzeigen. Im Jahr 2005 wurden weltweit erst 118 Mio. USD an Krediten in dieser Form vermittelt. Diese Summe hat sich innerhalb von 7 Jahre verzwölffacht. Und allein in den ersten 6 Monaten des Jahres 2013 wurde eine weitere Steigerung gegenüber dem Jahr 2012 von 23% erreicht. (Quelle: Wikepedia)

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b9Dieses Geschäftsmodell greift direkt in das Geschäftsmodell der Banken ein. Für Anleger mit grundlegenden Wirtschaftskenntnissen hat es den Vorteil, dass neben höheren Renditen das Risiko seiner Anlage genauer erkenntlich wird. Legt man dagegen sein Festgeld bei einer Banken an, müßte man die Risiken aller auf der Aktiv-Seite der Bankbilanz aufgeführten Anlagen kennen.

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b11Peer-to-Peer Lending deckt unterschiedlichste Kreditzwecke ab.

Das Beispiel bezieht sich auf die größte Plattform, dem in den USA beheimateten LendingClub.

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b12Das künftige Potential haben zwischenzeitlich auch institutionelle Anleger erkannt. Wurde der Markt in 2012 noch von Privatpersonen bestimmt, hat der Anteil der Hedgefonds und Financial Adviser sich von 2012 auf 2013 fast verdoppelt ( entnommen: Bankstil von Ralf Keuper)

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b13Google ist sicherlich ein Unternehmen, welches in seiner Geschäftspolitik stark auf die Zukunft setzt. Durch eine Beteiligung Google’s in Höhe von 125 Mio. USD erreichte das Unternehmen LendingClub einen Wert von über 1,4 Mrd. USD.

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Auch wenn Banken einmal nicht von der Bilanzseite her betrachtet werden, sondern man deren einzelnen Dienstleistungen anschaut, zeigt sich, daß wir in Zukunft möglicherweise Banken nicht brauchen. Das Lebenszyklus-Konzept würde dann auch hier zutreffen.

b14Nahezu alle Dienstleistungen der Banken werden schon heute (in noch unterschiedlichem Ausmaß) von verschiedenen Anbietern, die keine Banken sind, erbracht.

Wenn dies so ist, muss man sich fragen, in welchen Bereichen es sinnvoll ist, Geschäfte mit der Bank zu machen und welche Bereiche dort besondere Risiken beinhalten. Eine mögliche Antwort liefert wieder die Betrachtung der Bankbilanzen.

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b15aWer bei einer Bank z.B. Festgeld anlegt, dessen Geld wird durch die Bank in eine Vielzahl unterschiedlichster Anlageformen (linke Seite der Bilanz) investiert. Dabei trägt der Anleger in letzter Konsequenz – bei einem Ausfall der Banken – die Risiken mit, es sei denn die Sicherungseinrichtungen haben ausreichende Geldmittel (siehe Glaube und Facts). An den Chancen, wie etwa einer höheren Rendite partizpiert der Anleger dagegen nicht, denn rein formal leiht der Festgeldsparer den Banken Geld. Und in diesem Fall kann die Bank – mit Einschränkungen – das Geld verwenden wie sie möchte. Der Anleger erhält zwar eine feste Zusage der Bank auf einen gleichmäßigen (zur Zeit) sehr niedrigen Zins, diese Zusage kann die Bank aber natürlich nur erfüllen, solange sie existiert. Der Anleger tauscht also das Marktrisiko gegen das Emittentenrisiko. Wobei er leider bei falschen Entscheidungen der Bank doch nicht gegen das Marktrisiko geschützt ist (Zypern).

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b16Nimmt man dagegen Kredite bei einer Bank auf, so findet der Bankkunde sich auf der Aktiv-Seite der Bank wieder. Er trägt nicht das Emittentenrisiko. Allerdings würde er bei einer Insolvenz der Bank auch nicht profitieren. Der Konkursverwalter würde weiterhin die Forderungen der Bank eintreiben.

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b17P.S. Übrigens stellen auch wir in Teilbereichen eine Alternative zur Bank dar 🙂

Testen Sie uns!

Raum für Ihre Fragen finden Sie hier oder nehmen Sie Kontakt über unsere Homepage auf.

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Weiterführende Links

(1) Zur „Sicherheit“ von Spareinlagen:

a) Zusammenfassende Darstellung auf unserer Homepage

b) Unser Artikel zur Staatsgarantie

c) Artikel auf reszatonline Safe haven Germany? – Limits to deposit guarantees

     d) Efta Urteil zum Icesave Fall

e) Artikel zur Staatsgarantie auf Blick Log

(2) Zur steuerlichen Behandlung von Bitcoins, hier ein Artikel aus der FAZ

(3) Zum Thema Wahlkampfspenden und Bitcoins in den USA

3 Gedanken zu “Brauchen wir Banken?

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