Schwarzen Schwan gesehen und nicht gehandelt?


Nun sind die USA doch nicht zahlungsunfähig geworden. War die Medienhysterie damit unsinnig? (1) Ich vermute, es sind bald so einige Stimmen zu hören, der Kompromiss sei absehbar gewesen – und vorsorglich zu reagieren, sei totaler Unsinn gewesen.

Auch wir standen letzte Woche vor der Entscheidung, ob und wie wir gegenüber unseren Kunden reagieren sollten. Mögliche Folgen der  US-Haushaltskrise und dem Erreichen der Schuldengrenze war natürlich schon längere Zeit ein Thema für immer wiederkehrende Diskussionen, aber der Tag der Entscheidung war ja noch fern. Letzte Woche mussten wir eine Entscheidung treffen, denn sonst hätten unsere Kunden Verkaufsaufträge nicht mehr rechtzeitig durchführen können. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht. Wir wollten keine unnötige Unruhe schüren (Panik machen lassen wir lieber die „Anderen“) und hätten ja auch logistisch einen erheblichen Aufwand. Und dies alles für den unwahrscheinlichen Fall, dass in den USA nicht der gesunde Menschenverstand siegen würde. Aber es gibt ein Bild, dass uns permanent begleitet:

SSDer schwarze Schwan ist eine Metapher für ein sehr unwahrscheinliches aber dennoch mögliches Ereignis geworden. Im Mittelalter kannte man in Europa nur weiße Schwäne. Daraus wurde  die Schlussfolgerung gezogen, es gäbe keine schwarzen Schwäne. Laut Wikipedia bildete sich die Metapher (Schwarzer Schwan: Auch was man noch nicht gesehen hat, kann es dennoch geben) heraus, nachdem Willem de Vlamingh 1697 auf einer Reise nach Australien dort tatsächlich schwarze Schwäne sah. Nicolas Taleb nutze diese Metapher für sein weltbekanntes Buch: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse.(2) Taleb selbst war Börsenhändler und hat gegenwärtig eine Ehrenprofessur für Risikoanalyse an der New York University

Also haben wir uns Donnerstag entschlossen, alle Kunden mit größeren Aktienfondsbeständen zu informieren und Umschichtungsmöglichkeiten anzubieten (natürlich ohne Kosten für die Kunden und nur als temporäre Maßnahme). Das unsichere Gefühl blieb, ob wir hier zu vorsichtig sein würden. Denn aus dem näheren Umkreis vernahmen wir nicht, das ähnliche Aktionen durchgeführt wurden.

Frage: Hat Ihr Bank- oder Finanzberater Sie gezielt angesprochen?

Wenn nicht, müssen Sie ein felsenfestes Depot haben (Den Schwarzen Schwan gibt es, aber einfelsenfestes Depot wohl doch nicht). Oder Ihr Berater hat sich auf seine „Erfahrung“ verlassen, denn schließlich gab es vergleichbare Situationen in  der Vergangenheit schon mehrmals in den USA.

An dieser Stelle ist aber zu fragen, woher dann in einem solchen Fall diese Selbstsicherheit kommen kann?

  • Die Chefs der Zentralbanken hatten diese jedenfalls nicht. Warum sollten diese ansonsten Notfallpläne erarbeiten, wie Bloomberg berichtete?
  • Die UBS wappnete sich gegen den möglichen Zahlungsausfall der USA, indem sie sich mit Derivaten absicherte.
  • Auch eine sehr große Investmentgesellschaft, Fidelity, hat vorausschauend reagiert und alle kurzlaufenden US-Staatsanleihen verkauft.

Leider hatten wir diese Informationen noch nicht, als wir begonnen haben, unsere Kunden zu informieren. Sie bestätigen uns aber nachträglich in unserer Vorgehensweise.(3).

Wenn Sie also keine Reaktion Ihres Beraters erfahren haben, sollten Sie sich doch fragen (zumindest wenn Sie spekulativere Anlagen in Ihrem Depot haben), was die Gründe gewesen sind. Oder Sie fragen ihn einmal, ob das Buch von Nicolas Taleb nur dazu da ist, gesammelte Kompetenz im Bücherregal zu offenbaren 🙂

Ein weiterer Aspekt, der für unsere Entscheidung maßgebend war, liegt in dem Basiseffekt. Dieser besagt, dass Sie Ihre Kursverluste nur mit einem deutlich höheren folgenden Gewinn wieder aufholen können:

BEFBei diesen Zahlen dürfte es verständlich sein, dass man vor zwar möglichen aber dennoch unwahrscheinlichen Ereignissen (Schwarzer Schwan) besser vorübergehend bestimmte Marktsegmente meiden sollte.

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Anmerkungen:

(1) Kritisch gegenüber der Medienhysterie äußert sich z.B. Karl-Heinz Thielmann auf Blicklog, wenngleich er sich explizit nur auf das Datum des Erreichens der Schuldenkrise bezieht und darauf hinweist, dass auch über diesen Termin hinaus noch etwas Geld vorhanden wäre.

(2) Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Eriegnisse. Hanser Wirtschaft, 2008

3 Ich weiß, wer auf seine Meinung beharrt, unsere Reaktion sei unsinnig gewesen, wird darauf verweisen, dass diese Aussage aufgrund der kognitiven Dissonanz entstanden ist. 🙂

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