Kann die Ökonomie aus der Geschichte lernen?


Nein, ich will jetzt nicht über Reinhart und Rogoff und deren Excel-Fehler schreiben. Und es soll auch nicht diskutiert werden, ob die 90% Schuldenregel richtig sei. Nach dieser Regel  soll ja bekanntlich das Wirtschaftswachstum schrumpfen, wenn die Staatsverschuldung auf 90% des Bruttoinlandsprodukts gestiegen ist.

GeschichteObwohl, wenn man die inhaltliche Diskussion um Reinhart /Rogoff einmal ausklammert, gelangt man  auch hier zu der Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann. Denn immerhin wird diese 90%-Regel als eine Begründung für die Entscheidung zur  immer noch anhaltenden Sparpolitik in Europa angeführt. Weil diese Untersuchung auf historischen Daten basiert, glaubt(e) man anscheinend aus der Geschichte lernen zu können.

Zwei Artikel, die ich vor kurzem  gelesen habe, greifen das Thema „Aus der Geschichte lernen“  aktuell auf:

  •  Why Ecomomics Needs Economic History  (Institute for New Economic Thinking –INET) (1)
  • Auf der Suche nach Adam Smith (Die Zeit, Printausgabe, 14.08.2013)

Schon weil der Name vielversprechend ist „..New Economic Thinking…“ verfolge ich eigentlich ganz gern den Blog des INET. Anderseits verspüre ich immer sehr schnell eine innere Abwehr, wenn ich höre oder lese, es sei etwas  geschichtlich erwiesen und deshalb muss dies auch für unsere wirtschaftliche Zukunft gelten.

Wirtschaft ist keine Naturwissenschaft! In der Naturwissenschaft kann ich die immer wiederkehrende Beobachtung, dass ein Apfel vom Baum immer nach unten fällt, zum Anlass nehmen, ein Naturgesetz zu formulieren. Die Ökonomie erklärt sich aber nicht aus unumstößlichen Naturgesetzen sondern letztendlich nur aus menschlichem Verhalten.

Damit meine ich nicht nur das direkte Verhalten der sogenannten Marktteilnehmer, sondern auch gesellschaftlich und politisch geschaffene  Normen und Regeln, die mehr oder weniger erfolgreich einen Rahmen für wirtschaftliches Handeln setzen. Und in diesem Konglomerat kann ich keine Naturgesetze entdecken (1).

Zurück zum INET Blogbeitrag. Ich halte es für wesentlich, auch Artikel, Bücher und Beiträge zu lesen, die nicht meinen Vorstellungen entsprechen. Wie sollte ich auch sonst neue Erkenntnisse gewinnen? Oder was noch wichtiger ist, wie sonst hätte ich eine Chance falsche Vorstellungen zu revidieren? Und tatsächlich weist Kevin O’Rourke interessante Begründungen auf, weshalb  Ökonomen (und vielleicht noch wichtiger Politiker und eigentlich wir alle) Kenntnisse zur ökonomischen Geschichte besitzen sollten. Nachstehen nur zwei der von ihm genannten  Gründe, warum Kenntnisse der Geschichte entscheidend sind, um über die Ökonomie auf unterschiedliche(!) Weise nachzudenken („Knowledge of economic and financial history is crucial in thinking about the economy in several ways“) (2).

  •  „A second, related point is that economic history teaches students the importance of context.“
  • Fifth, even once the current economic and financial crisis has passed, the major long run challenges facing the world will still remain.“

Zentral ist dabei  die Aussage in dem Blogbeitrag, dass Geschichtskenntnisse nicht zu einer linearen Fortschreibung führen sollen, sondern helfen sollen, offener – „in several ways“ – zu denken. (Ach, hätten einige Politiker dies auch bei der 90%-Regel getan…)

Diese Forderung richtet sich nicht nur an einige Ökonomen sondern ebenso an viele Anlage-Gurus. Eine Berücksichtigung des historischen Kontext bei deren  Prognosen aus der jüngeren Vergangenheit wäre für einige Anleger doch hilfreich gewesen. Ich erinnere hier gern an unsere Inflationspropheten, die uns 2008/9 die Hyperinflation vorhergesagt hatten und diese Behauptung mit den Schubkarrenbildern aus der Zeit der großen Depression  (1929) historisch unterlegten. Eine Folge dessen war der Run auf das Gold. Zumindest aktuell hat sich für so einige Anleger diese Prognose als verlustreich erwiesen.

Sehr interessant in Bezug auf die Forderung, die Zeitumstände bei einer Betrachtung der ökonomischen Geschichte zu beachten, ist auch der oben angesprochene Artikel aus der Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Eine der bekanntesten Aussagen, die dem Begründer der Volkswirtschaftslehre Adam Smith zugeschrieben wird, ist die der „unsichtbaren Hand des Marktes“. Durch diesen Mechanismus bringe der Markt es zustande, dass aus dem egoistischen Handeln der einzelnen Marktteilnehmer Wohlstand für Alle entstehen. Zwar gilt schon seit längerem für Ökonomen diese Aussage nicht mehr für alle Bereiche des Marktes. Dennoch scheint mir, dass diese Aussage weitgehend noch von vielen Ökonomen (und nicht nur von Ökonomen) als allgemeines Credo gesehen wird. Auch die Bedeutung des Marktes möchte ich hier nicht diskutieren, sondern auf die von O’Rourke postulierte Forderung zurückkommen, den Kontext in der Geschichte zu berücksichtigen. Genau dies hat die Cambridge und Harvard Professorin Emma Rothschild dezidiert getan. Sie kommt bei ihrer umfangreichen Recherche historischer Dokumente aus der Zeit Adam Smiths zu dem Ergebnis: „Das kann er nur ironisch gemeint haben“ (3)

Diese Aussage führt dann zur nächsten Ironie:  Eine ironische –und möglicherweise beiläufig geschriebene – Aussage begründet bis heute ein weitgehend erfolgreiches volkswirtschaftliches Konzept. Bekanntermaßen ist das Konzept aber eben nur weitgehend erfolgreich und weist natürlich auch Schwächen auf. Und hier schließt sich der Kreis: Würden die Ökonomen (und wir alle) aus den Erkenntnissen  der Geschichte lernen (Lernen! Nicht einfach Teilaspekte fortschreiben) wäre unser Wirtschaftssystem möglicherweise noch erfolgreicher.

Die Ökonomie kann also aus der Geschichte lernen. Sie sollte es aber auf die richtige Art und Weise tun. Und warum sollte sich dann nicht eines Tages der fünfte von O’Rourke genannte Aspekt besser gestalten lassen: …auch nach Überwindung der aktuellen Finanzkrise werden wir mit Wandel leben müssen ..“

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Anmerkungen:

  1. Zum Artikel:Why Ecomomics Needs Economic History
  2. Zitiert aus oben genanntem Beitrag
  3. Vielleicht gibt es doch zumindest naturwissenschaftliche Ansätze für die Ökonomie. Diese würde ich dann aber in einem Kontext der Evolutionstheorie sehen. Eine interessante Einführung bietet Eric D. Beinhoker in seinem Buch: Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt. mi-Fachverlag, 2007. ISBN 3636030868
  4. Übernommen aus „Die Zeit“ ,14.08.2013, S.25

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