Implizite Staatsverschuldung: Ist es fair, Zukunftsängste zu schüren?


Wenn ein Ökonom oder Politiker der Meinung ist, dass die aktuelle Staatsverschuldung noch nicht hoch genug erscheint, um ausreichend Ängste zu schüren, kommt er gern auf die implizite Staatsverschuldung zu sprechen. Anders als die Staatsverschuldung, die üblicherweise diskutiert wird, umfasst die implizite Staatsverschuldung Verpflichtungen des Staates, die erst in der Zukunft fällig werden. Insbesondere Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen befasst sich seit Jahren mit diesem Thema.

AngstDie implizite Staatsverschuldung in Deutschland dürfte bei rund 2,7 Milliarden € liegen (1). Dies entspricht etwas mehr als dem Bruttoinlandsprodukt. Damit führt die implizite Staatsverschuldung  zu einer „gesamten“ Staatsverschuldung, die mehr als doppelt so hoch ist wie die üblicherweise genannte Staatsverschuldung. Mit einer  derartigen Größe ist es natürlich gut möglich Zukunftsängste zu schüren.

Sind Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft unserer Volkswirtschaft aufgrund der Höhe der impliziten Staatsverschuldung berechtigt?

Dies können Sie sicherlich besser beurteilen, wenn Sie die aktuelle Zahl nicht isoliert, sondern in Zusammenhängen sehen:

Grundsätzlich ist es wenig sinnvoll, Schulden isoliert und nicht in einem Zusammenhang mit dem Vermögen zu sehen. Wenn Sie selbst noch einen Kredit über 100.000 € haben, und diese 100.000 € mehr als dem Doppelten ihres Jahreseinkommen entspricht, so ist dies eine vergleichbare Grüße wie die „gesamte“ Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Wenn Sie keinerlei Vermögenswerte besitzen, ist diese Größe sicherlich beängstigend. Wenn Sie dagegen eine Immobilie besitzen, die einen Wert von 300.000 € hat, relativieren sich diese Schulden deutlich.

Es macht also wenig Sinn Staatsverschuldung isoliert zu sehen, ohne die Vermögenswerte gegen zu rechnen.  Bezogen auf die klassisch ermittelte aktuelle Staatsverschuldung erscheint dies einsichtig, wenn auch nicht leicht zu ermitteln.

Wenn man die implizite Staatsverschuldung beurteilen möchte, muss man einen Unterschied zwischen sogenannten Bestands- und Stromgrößen beachten (2).  Die aufgelaufenen Schulden stellen Bestandsgrößen dar (sie sind bereits vorhanden). Implizite Staatsschulden stellen dagegen Strömgrößen dar (sie stellen Kosten in der Zukunft dar). Zumindest jeder Ökonomen lernt dies zu Beginn seines Studiums (anscheinend vergessen es einige dann wieder) . Wenn aber zukünftige Kosten bewertet und deren Folgen einschätzt werden sollen, müßen auch zukünftige Erträge berücksichtigt werden. Diese können aus in der Vergangenheit gebildeten Investitionen stammen. Und auch wenn mit Sicherheit nicht jede Ausgabe des Staates  investiv ist (Staat einmal im weiteren Sinne, denn bei der impliziten Staatsverschuldung werden auch die Sozialversicherungsträger betrachtet), so fallen doch sofort einige Ausgaben des Staates ein, die Grundlagen zukünftiger Erträge sind:  Schul- und Hochschulausbildung unserer Kinder, Straßen usw.. Rechnen wir die potentiellen künftigen  Erträge aus diesen Investitionen auf heute runter, so könnte wir beurteilen, wie hoch die verbleibende implizite Netto-Staatsverschuldung ist. Und erst dann sollten wir entscheiden, ob die implizite Staatsverschuldung uns Angst um unsere Zukunft machen sollte.

Zudem ist die Höhe der impliziten Staatsverschuldung eine stark schwankende Größe. So machte die implizite Staatsverschuldung im Jahr 2008 251,3% des Bruttoinlandsproduktes aus (2). Damit hat sie sich von 2008 bis heute gut halbiert.  Dies ist zum Teil zwar durch Berechnungsfaktoren bedingt, aber auch durch politische Maßnahmen im Bereich der Sozial- und Rentenversicherungen (3).

 Wir bitten sie, sich an dieser Stelle einmal zu fragen, ob es „fair“ ist, mit unvollständigen Informationen zum Thema implizite Staatsverschuldung  Ihre möglicherweise sowieso schon negativ geprägten Vorstellungen der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung zu verstärken. Dabei will ich an dieser Stelle nicht auf Politiker und einzelne Ökonomen eingehen, sondern vielmehr auf Finanzanbieter und –berater.

Wirtschaftliche Zusammenhänge und Finanzprodukte sind leider komplex. Die Berater und Anbieter könnten sich daher die Mühe machen, diese Komplexität ihren Kunden zu vermitteln und damit eine Grundlage zu schaffen, dass die Anleger auf rationaler Basis der Kenntnis von Chancen und Risiken (sowie unter Kenntnis der Wirkungszusammenhänge) eine Anlageentscheidung zu treffen. Dies erfordert Aufwand auf beiden Seiten, wäre aber fair.

Und noch etwas: Dies würde mit Sicherheit zu besseren Anlageentscheidungen für Ihr Geld und damit für Ihre Zukunft führen.

Nehmen sie sich Zeit – und stellen uns jetzt Ihre Fragen, hier – und auch wir werden uns für Sie Zeit nehmen.

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Anmerkungen:
(1) Artikel aus Risknet
(3) Einfache Erläuterung zur Berechnung der impliziten Staatsschulden

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