Anlageberatung: der unsägliche Time-lag von der Erkenntnis bis zur Umsetzung


Das Missgeschick  in der Pressemitteilung der Investmentfondsgesellschaft Frankfurt-Trust fällt auf den ersten Blick nicht auf: „Der Begriff „Buy and hold“ beschreibt eine Anlagestrategie, die darauf setzt, Aktienanlagen langfristig voll investiert zu halten. „Es war eine Strategie für die 1980er- und 1990-Jahre“ (1) Sie wundern sich, dass ich von einem Missgeschick spreche?

Nun, dieser Artikel stellt eine Werbung für den Investmentfonds BHF Flexible Allocation FT dar. Dieser Investmentfonds wurde am 10. Oktober 2007 aufgelegt. Also gut 17 Jahre nachdem die Investmentstrategie Buy and hold ihr Ende erlebt haben soll. (Man kann sich übrigens darüber streiten, ob der genannte Zeitpunkt richtig ist). Wie der Name schon sagt, setzt der BHF Flexible Allocation FT auf eine flexible Anlagestrategie. Grundsätzlich halten wir solche Strategie ebenfalls für sinnvoll, aber nicht erst seit dem Jahr 2007! Hier sehen wir das Missgeschick: Was muss man für einen Eindruck von der Investmentfondsgesellschaft gewinnen:

  • hinsichtlich deren Beobachtung der Entwicklung von neueren Kapitalmarkttheorien
  • hinsichtlich der Dauer der internen Diskussionen (wenn es sie gibt)
  • und hinsichtlich der Umsetzungsgeschwindigkeit dieser neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse (oder auch selbst gewonnenen Erkenntnissen),

wenn es 17 Jahre dauert bis ein Ergebnis steht.

Möglicherweise kann man der Fondsgesellschaft zugute halten, dass der lange Zeitverzug von der Publikation neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die praktische Umsetzung für den privaten Anleger schon immer viele Jahre betrug (Dies wäre aber eine schwache Entschuldigung).

Ich entsinne mich da beispielsweise an den Ansatz des Effizienten Portfolios nach Markowitz. Ich schätze, dass dieser Ansatz vor  ca. 10 Jahren sein breiten Einzug in die Endkundenberatung fand. Es hat also 10 Jahre gedauert bis erkannt wurde, dass die Nobelpreisverleihung an Markowitz (1990) vielleicht auch Relevanz für die Geldanlage privater Anleger hat. Erst mehr als 40 Jahren nach der ersten Veröffentlichung  von Markowitz erfolgte die praktische Umsetzung für den Anleger (2).

Markowitz ist aber nicht das einzige Beispiel für den großen Time-lag von der Erkenntnis zur Umsetzung. Ein weiteres Beispiel sind die Erkenntnisse zur Behavioral Finance. Eine der wichtigsten Veröffentlichungen zu diesem Thema erfolgte 1979 durch Kahneman und Tversky (3).   Erste Ansätze, diese Erkenntnisse für praktische Anlageformen und -strategien zu verwenden, erfolgten meiner Kenntnis erst um die Jahrtausendwende.

Für Sie als privater Anleger wird es kaum möglich sein, neue Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten für Ihren Anlageerfolg wichtigen Wissenschaftsbereichen zu verfolgen. Sie sind in der Regel also darauf angewiesen, dass die Konzeptionäre der Produkte (Banken, Investmentfondsgesellschaften, etc) dieses tun. Und Sie sind weiter darauf angewiesen, dass Ihre Berater beobachten, ob die Produktanbieter dies getan haben. Daher unser Tipp:

Fragen Sie nach:

  • auf welchen Erkenntnissen die Anlageform beruht
  • ob es wissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesen Erkenntnissen gibt
  • wann diese Erkenntnisse ursprünglich publiziert wurden
  • und ob es entsprechend neuere kritische Ansätze zu diesem Themenbereich gibt

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Anmerkungen:

(1) Ich nehme jedenfalls an, dass dieser Artikel auf Euro FundResearch auf einer Pressemitteilung der genannten Gesellschaft beruht.

(2) Harry M. Markowitz : Portfolio Selection. In Journal of Finance. 7,1952

(3) Kahneman und Tversky:  Prospect theory: An Analysis of Decision under Risk, 1979

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