Vier Jahre zu spät? Mark Schieritz: Die Inflationslüge


Traumata soll man pflegen. Dies könnten man meinen, wenn man die Schlagzeilen der Medien und die Marketingaussagen der Finanzexperten der vergangenen Jahre seit 2008/2009 betrachten. Etwas spät, aber immerhin, nimmt sich jetzt Mark Schieritz (1) dieses Themas in seinem neuen Buch an: „Die Inflationslüge – wie die Angst ums Geld uns ruiniert“ (2).

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In der aktuellen Printausgabe der Zeit vom 2. Mai findet sich zu diesem Buch ein ausführlicher Artikel. Die Kernaussagen sind:

  • Reichskanzler Brüning verkündet im Oktober  1931 eine  eiserne Sparpolitik (nach der Hyperinflation). Erfolgreich, denn es gibt in Folge keine Inflation mehr. Zugleich aber auch nicht erfolgreich, denn eine schwere Wirtschaftskrise folgt mit den bekannten politischen Auswirkungen (3).
  • Der Prozess der Geldschöpfung wird weitgehend in der Bevölkerung verkannt. Natürlich kann die Zentralbank die Geldmenge erhöhen, aber nicht alleine die Zentralbank schafft Geld, sondern auch die Geschäftsbanken.
  • „Wichtig ist ohnehin nicht, wie viel Geld in der Welt ist, sondern was mit diesem Geld geschieht“. Geld an sich bewirkt keine Inflation. Nur wenn die Masse von Geld dazu verwendet wird, Güter und Dienstleistungen zu kaufen, können deren Preise steigen (Inflation).
  •  Alleine die Nachfrage reicht aber nicht, um die Preise steigen zulassen. Die Nachfrage muss auch auf ein begrenztes Angebot stoßen.

Diese Aussagen sind nun tatsächlich nicht weltbewegend. Dies schreibt auch Schieritz: “Es ist ziemlich offensichtlich, warum, aus dieser Perspektive betrachtet, derzeit kaum Inflationsgefahr besteht“

Wir meinen, Schieritz jetzt hätte hier exakter formulieren können: “Es war ziemlich offensichtlich, warum aus dieser Perspektive betrachtet, in nächster Zukunft kaum Inflationsgefahr bestehen wird

Warum ersetzen wir das Wort „ist“ durch das Wort „war“? Weil alle die genannten Argumente auch schon 2008/2009 bekannt gewesen sind. Mit klarem logischem Denken hätte diese Diskussion und auch viele politischen Entscheidungen anders verlaufen können. Dem stand allerdings die „Weisheit“ vieler Medien und Finanzexperten entgegen. Denn diese wissen: Traumata solle man pflegen.

Medien: Angst belegte Schlagzeilen verkaufen sich einfach besser. Vermutlich scheinen zusätzlich einige Medien die alte Marketingweisheit zu beachten, dass Produkte der Bedürfnisbefriedigung dienen. Produkte der Medien sind deren Artikel und anscheinend bestand (und besteht weiterhin) ein großes Bedürfnis vieler Bürger, in Schlagzeilen ihre Erfahrungen (Das deutsche Schubkarren- Inflationstraumata) bestätigt zu sehen.

Finanzexperten:  Auch hier gilt die alte Weisheit, dass Angst gut verkauft.

Auch wenn an dieser Stelle einige Medien und (viele) Finanzexperten kritisiert werden, muss diese Kritik doch eingeschränkt werden. Denn beide sind von ihren Konsumenten (Leser und Anleger) abhängig. Ernsthaft zu kritisieren wären  eher einige Volkswirte, soweit sie  relativ unabhängig und frei sind. Ich entsinne mich da an eine Veranstaltung für Anlage- und Vermögensberater Anfang 2009, in der natürlich die Themen  „Zusammenbruch des Systems“  und „Inflation“  einen Schwerpunkt bildeten. Auf meine Nachfragen an den Chefsvolkswirt eines renommierten Bankhauses lauteten die Antworten:

  • Frage: Spricht die Unterauslastung der Produktionskapazitäten (hohes Angebotspotenzial) nicht gegen eine schnelle Inflation?

Antwort: Das ist richtig.

  • Frage: Verführt die Aussage“ Geld wird gedruckt“ nicht zu einem falschen Verständnis vieler Anleger? Denn die Zentralbanken drucken ja kein Geld im wörtlichen Sinne, sondern verleihen dies an Geschäftsbanken. Und wenn dies so ist, gibt es auch keinen Automatismus, dass dieses Geld mit Sicherheit in die Brieftaschen der Bürger gelangt und somit die Nachfrage und damit die Preise steigert.

Antwort: Ja, wenn man es so betrachtet, wird Geld nicht gedruckt.

Die Voraussetzungen, dass Volkswirte schon 2009 erkennen konnten, dass eine Inflation nicht mit Sicherheit auf die Geldmengenausweitung folgen musste, waren also gegeben.

Sogar einige (ich glaube aber wenige) Fondsmanager wussten dies.

Wir empfehlen also die Lektüre dieses Buches sehr. Hieraus sollte aber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass das Thema Inflation für alle Zeiten ad acta gelegt werden muss. Denn es sind durchaus Rahmenbedingungen vorstellbar, dass Inflation wieder ein Thema wird. Vielleicht müssen wir aber erst ein kleines Traumata hinsichtlich der politischen Entwicklung in Europa und möglicher Deflationsszenarien erleben. Dann kann ja wieder in eine andere Richtung überreagiert werden.

Eine weitere wichtige Aussage des Buches soll noch kurz erwähnt werden. Schieritz unterscheidet zwischen der klassischen Inflation (Steigerung des Verbraucherpreisindex) und der Asset-Inflation. Man sollte den Begriff Inflation aber nicht inflationär verwenden. Statt von Asset-Inflation zu reden, könnte man auch von Fehlspekulationen sprechen.

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Anmerkungen:

(1) Profil von Mark Schieritz   http://community.zeit.de/user/mark-schieritz

(2) Die Inflationslüge- wie die Angst ums Geld uns ruiniert, Knaur Verlag, 140 Seiten, 7,00 Euro

(3) Natürlich hat die Hyperinflation (1922 bis 1924) auch zu einer massiven Wirtschaftskrise geführt. Danach gab es aber eine Erholung des Wirtschaftswachstums mit dann in 1931 und 1932 folgenden massiven Einbrüchen. Vergleiche diese Grafik aus Wikipedia : http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BSPDRWeltkrise.PNG

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