Die Evolution ist für uns Menschen zu langsam


Sehr viele unserer Verhaltensweisen, insbesondere diejenigen, die intuitiv geprägt sind, werden häufig mit evolutionären Ansätzen erklärt.

EVOLUTION NEU

Nach der Evolutionstheorie sind diejenigen Lebewesen in einer sich ändernden Umwelt am „erfolgsreichsten“, die sich optimal anpassen. Geschieht dies, so überleben sie. Natürlich erklärt die Evolutionslehre auch die Folgen einer Nichtanpassung, wie zum Beispiel beim Aussterben der Dinosaurier. Welche Eigenschaften für eine erfolgreiche Anpassung notwendig sind, ist daher eine zentrale Fragestellung in dieser Theorie. Gehört das intuitive Handeln (und Denken) dazu?

Wenn wir von einem Wandel der Umwelt und Anpassungsprozessen sprechen, spielt die zeitliche Komponente eine wesentliche Rolle. Dies bestätigt Prof. Ganten in Bezug auf unsere gesundheitliche Konstitution. Er empfiehlt dabei eine Besinnung auf unsere Lebensbedingungen der letzten 2 Millionen Jahre. Denn dadurch sei viel Leid zu vermeiden. Die Begründung: „weil die Evolution sehr langsam ist, das Tempo der Zivilisation dagegen rasant“ (1). Da wir uns hier in einem finanzwirtschaftlich ausgerichteten Blog befinden, sei es erlaubt, diese Empfehlung im Hinblick auf wirtschaftliche Implikationen und unser individuelles Verhalten in der Finanzwelt zu hinterfragen. Dabei geht es nicht darum, die Bedeutung der Evolutionslehre auch für die Finanzwelt in Frage zu stellen. Im Gegenteil die Bedeutung der Evolutionstheorie für die Finanzwelt wird längst ernsthaft diskutiert.

Und dies ist sinnvoll, denn die Finanzkrise hat uns deutlich gezeigt, dass die traditionelle Volkswirtschaftslehre nicht mehr ausreichend ist. Die Grundannahmen vieler älterer – aber immer noch beachteter Erklärungsansätze dieser Wissenschaft – beruht auf den Annahmen des  Homo Oeconomicus.  Von diesem Ansatz sind eindeutig nur  50 % richtig. Die richtigen 50 % beziehen sich auf „Homo“. Dies ist unbestritten, denn die zentrale Figur  in den Volkswirtschaften ist in letzter Instanz immer der Mensch. Die zweiten 50 % der Grundannahmen (oeconomicus)  bezieht sich dagegen auf das rationale Verhalten. Zuweilen ist diese Annahme richtig, zuweilen aber falsch. Denn sehr viele unserer Verhaltensweisen erfolgen intuitiv. Was in vielen Lebensbereichen durchaus Berechtigung hat, denn diese  Verhaltensweisen sind oft  effizient (Der Steinzeitmensch sollte nicht lange rational abwägen, ob das Rascheln im Busch wirklich von einem Raubtier stammt, sondern besser schnell die Flucht ergreifen. Dies gilt ebenso für den heutigen Autofahrer, der bei rot leuchtenden Lampen erst mal bremsen sollte und nicht lange rational über alternative Erklärung für das Aufleuchten dieser Lampen nachdenken sollte).

Auch der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Kahneman weist  auf die Bedeutung der Evolution für unser Verhalten hin. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ formuliert er zwei Systeme, die maßgebend für unser Denken und Verhalten sind. Dabei spiegelt das System 1 das eher intuitiv positive Denken beziehungsweise die intuitiven Verhaltensweisen wieder:  „… System 1 wurde von der Evolution so ausgeformt, dass es die Hauptprobleme, die ein Organismus lösen muss, um zu überleben,  fortwährend bewertet“  Dies geschieht quasi automatisch und vor allem geschieht es schnell. System 2 ist dagegen für das analytische, logische Denken zuständig. Wie die Lebenserfahrung zeigt, ist es allerdings wesentlich einfacher, angenehmer und weniger anstrengend mit dem System 1 zu arbeiten. Und dies geschieht dann in der Regel auch tatsächlich.

Ich werde hier das System 1 nicht in Frage stellen, denn es hat ja der Menschheit bisher zu einer relativ erfolgreichen Strategie verholfen.

Wir müssen uns aber heute dennoch fragen, ob es nicht Bereiche gibt, in denen das System 2 in den Vordergrund treten sollte. Und jetzt komme ich wieder auf die unterschiedlichen Geschwindigkeiten unserer Anpassungsfähigkeit im Rahmen der Evolution und im Zusammenhang mit dem technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt zurück.

Eigenschaften, die wir evolutionär entwickelt haben, waren nur dann erfolgreich, wenn sie zu einer optimalen Anpassung an die Umwelt geführt haben.

Wenn wir jetzt aber feststellen müssen, dass die evolutionäre Entwicklung unserer Eigenschaften langsamer verläuft als die Änderung der Umwelt, so gibt es keinen Grund anzunehmen, dass bisher erfolgreiche –evolutionär bedingte – Eigenschaften (System 1 : schnelles, intuitives Denken) auch in Zukunft zwangsläufig erfolgreich sein müssen. Es kann ja sein, dass sie hinterher „hinken“.

Etwas überspitzt ist zu fragen, ob uns hier die Evolution einen Streich gespielt hat. Denn einerseits hat sie uns mit der Fähigkeit des System 2 (logisches analytisches Denken) zu schnellen und bedeutenden Fortschritten durch neue Technologien verholfen und damit unsere Überlebensfähigkeit erhöht (zum Beispiel medizinischer Fortschritt mit der Folge geringerer Säuglingssterblichkeit). Andererseits hat sich das „erfolgreiche“ System 1 jedoch so manifestiert, dass wir bei einer Änderung der Rahmenbedingungen nicht schnell genug erkennen, dass dieses System nicht zwangsläufig zu erfolgreichen Handlungsweisen führen muss.

Und damit sind wir wieder bei dem ureigensten Thema dieses Blogs. Zweifelsohne hat sich unsere Wirtschaft und Finanzwelt bedeutend geändert. Dies sollten wir akzeptieren und damit unser Denken nach dem System 2 (rational!) bei allen finanziellen Entscheidungen in den Vordergrund stellen. Denn es gibt keinen zwingenden Grund, dass die  intuitiven „Bauch“-entscheidungen zu einem wirtschaftlichen Erfolg führen müssen.

Diese Erkenntnis ist sicherlich „nicht schön“. Denn ein Handeln nach den System 1  ist weit weniger anstrengend und wird damit von uns natürlicherweise präferiert. Etwas Anstrengung könnte sich dennoch lohnen.

Vielleicht wird jetzt  für Sie unser Slogan „eine Finanzberatung die etwas anders denkt“ verständlicher. Dieser kleine Beitrag soll verdeutlichen, dass der Slogan nicht einfach eine Marketingaussage ist, sondern tatsächlich unseren Anspruch widerspiegelt.

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(1)    Detlev Ganten, Facharzt für Pharmakologie und Molekulare Medizin – von 2004 bis 2008 Leiter der Berliner Charité in einem Interview mit Stefan Klein im Zeit Magazin vom 7. März 2013

(2)    Vergleiche hierzu:Eric D. Beinhoker, Die Entstehung des Wohlstands, mi-Fachverlag, 2007

(3)    Daniel Kahneman , Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler Verlag 2012 (Ebook Ausgabe, Seite 118)

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