Kein Trennbankensystem, und damit Chancen auf kundenorientierte Innovationen verpasst


Bisher geht die Diskussion über die Trennung der Banken in einen der realwirtschaftlich dienenden Teil und eine Abspaltung in Banken, die primär auf Renditeerzielung im reinen Finanzmarkt durch Investmentbanking abstellte,  immer von der Überlegung aus, dass klassische altbekannte Bankengeschäft sicherer zu machen und zugleich nicht mehr die Banken retten zu müssen, die nicht für die Realwirtschaft unbedingt notwendig sind. Dieser Meinung sind inzwischen sogar einige führende Bänker selbst, wie Finance Watch aufzeigt(1). Als Begründung führen diese Banker tatsächlich überwiegend den vorgenannten Aspekt an. Der Steuerzahler soll nicht mehr für die Rettung von Investmentbanking tätigen Banken zahlen müssen.

Ich möchte hier auf einen ganz anderen Gesichtspunkt aufmerksam machen: Bekanntlich hat jedes Produkt und jede Dienstleistung einen so genannten Lebenszyklus (2).

Produktlebenszyklus: Umsatz und Gewinnentwicklung. Erstellt Wolfgang Gierls /FORAIM
Produktlebenszyklus: Umsatz und Gewinnentwicklung. Erstellt Wolfgang Gierls /FORAIM

Ein Produkt oder eine Dienstleistung wird erfunden und in den Markt eingeführt. In dieser Phase ist der Umsatz naturgemäß gering und statt Gewinne werden Verluste realisiert. In der Wachstumsphase steigt der Umsatz und es werden erste Gewinne erzielt. Die Reifephase ist von einem weiteren Umsatzanstieg, aber einem Abnehmen der Gewinnerwartung gekennzeichnet (In dieser Phase treten verstärkt Konkurrenten auf, so dass die hohen Preise für innovative Produkte sich nicht durchsetzen lassen). Der Umsatz insgesamt sinkt in der Sättigungsphase bis zur Degeneration des Produktes. Gewinne sind dann kaum noch zu erzielen. Irgendwann endet der Lebenszyklus, das Produkt stirbt, verschwindet also vom Markt. Dieser Produktlebenszyklus gilt auch für klassische Dienstleistungen. Übrigens ist schon sehr früh von verschiedenen Autoren gezeigt worden, dass tatsächlich jedes Produkt einen Lebenszyklus hat (3).

Natürlich möchte jedes Unternehmen überleben und ist folglich gezwungen, Produktinnovationen durchzuführen. In der Betriebswirtschaftslehre wird der Begriff der Produktinnovation deutlich weiter gefasst als im täglichen Sprachgebrauch. Man muss sich hier also keine“ Revolution“ vorstellen. Es ist zum Beispiel auch dann schon eine Innovation, wenn einem bestehenden Produkt eine neue Nutzungsmöglichkeit zugeordnet wird. (Das Handy war ursprünglich nur ein Telefon, die heutigen Funktionen erfassen viel mehr Bereiche.)

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass die Produktinnovation sich nicht nur auf die ursprüngliche Kundengruppe des Unternehmens beziehen muss, sondern dass das Unternehmen auch die Möglichkeit hat, in ganz andere Marktsegmenten zu wechseln, in denen es sein Know-how und/oder Produktionsmöglichkeiten gewinnbringend einsetzen kann.

Vor diesem Hintergrund wird ein Unternehmen laufend Entscheidungen treffen, wie es seine vorhandenen Mittel (Kapital, Know-how, Marktzugang etc.) optimal einsetzt. Sinnvollerweise (sinnvoll aus Sicht des Unternehmens) wird es versuchen, die hohen Gewinne, die in der späten Wachstumsphase und frühen Reifezeit erzielt werden, in die Entwicklung und Markteinführung neuer  Produkte/Dienstleistungen zu investieren. Und dies wird sich im Sinne der strategischen Unternehmensführung laufend wiederholen.

Wenn wir nun einmal unterstellen, dass auch das gute alte Privatkunden- und Firmengeschäft der Banken irgendwann in die Phase der Degeneration geraten ist, mussten die Banken Produktinnovation oder neue Geschäftsfelder suchen. Viele Produkte der Banken sind degeneriert, hier nur kurz drei Beispiele:

  • Bargeld wurde fast komplett durch bargeldlosen Zahlungsverkehr ersetzt – wo ist der Kassierer geblieben?
  • Sparbücher und Sparbriefe wurden durch die Öffnung des gesamten Anlagemarktes (Über Investmentfonds wurde dies einem breiten Publikum mit kleinen Beiträgen möglich) durch Zertifikate und Investmentfonds ersetzt (4).
  • Unternehmensfinanzierungen über Kredite wurde teilweise durch Börsengänge oder Herausgabe von Anleihen ersetzt.

In dieser Phase, in der die Produkte ihrer Attraktivität verloren haben,stand nun die Entscheidung  an, echte Produktinnovationen für und im Sinne der bisherigen Kunden einzuführen, oder in verwandte Geschäftsfelder zu wechseln, die von der Ausgangslage her für die Banken optimal waren.

Nun, welche Entscheidung die Banken getroffen haben,  ist offensichtlich. Sie haben überwiegend nicht in echte Innovationen für klassische Privatkunden und Geschäftskunden investiert, sondern haben ihr Know-how und die im Vergleich zu anderen Unternehmen einmalige Bevorzugung durch die Möglichkeit der zusätzlichen Geldschöpfung genutzt, um im Investmentbanking zu investieren.

Sterben lassen konnte man viele Bereiche des Privatkunden Geschäftskundengeschäfts nicht, weil dann die Möglichkeit der Geldschöpfung verloren gegangen werden. Im Sinne der strategischen Unternehmensführung kann man hier also tatsächlich davon sprechen, dass die verbliebenen Gewinne abgeschöpft werden.

Hätte es ein Trennbankensystem gegeben, wäre diese Möglichkeit (auf andere Marktsegmente, wie das Investmentbanking, auszuweichen)  versperrt gewesen. Die Banken hätten tatsächliche Produktinnovationen im Sinne ihres ursprünglichen Kundenklientels erfinden müssen. Was solche Produkte sein könnten, zeigen heute eine Vielzahl an jungen Unternehmen hauptsächlich aus der Internetbranche: Crowdfunding, App-basierte Zahlungssysteme und vieles mehr (5).

Das Trennbankensystem hat uns also nicht nur immense Risiken geschaffen, sondern auch dazu geführt, dass weniger und verspätet echte Produktinnovationen auf den Markt kamen. Man stelle sich vor, das zweifelsohne vorhandene Kapital wäre in diesem Sinne  genutzt worden. Die heutigen Risiken wären unbekannt, das Leben wäre einfacher und auch Banken für uns „normale“ Kunden Angebote schaffen können, die sogar Spaß machen. (Ähnlich wie dies in anderen Branchen der Fall ist.)

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(1) Die Aussage führender Bankmanager, die ein Trennbankensystem fordern, finden Sie auf dieser Seite von Finance Watch

(2) In Anlehnung an H. Freudenmann, Planung neuer Produkte, 1965

(3) Zum Beispiel:  H. Freudenmann, Planung neuer Produkte, 1965 oder G. Lüttinghaus, Diversifizierung und Anpassung , 1973

(4)    Aktuell scheinen zwar Sparbücher und Festgeldanlagen eine Renaissance zu haben, dies ist aber nur -temporär- durch die Finanzkrise bedingt.

(5) Wer hier auf dem Laufenden bleiben will, dem seien unter anderem diese Blogs empfohlen: Finance 2.0 und Blick Log

2 Gedanken zu “Kein Trennbankensystem, und damit Chancen auf kundenorientierte Innovationen verpasst

  1. Es gibt keine „Geldschöpfung der Geschäftsbanken“:

    Geldschöpfung und Umlaufsicherung

    Bis auf das außergewöhnliche Genie Silvio Gesell konnte noch niemand die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, verstehen, ohne zuvor die Religion (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern) verstanden – d. h. erklärt und damit wegerklärt – zu haben (Erkenntnisprozess der Auferstehung):

    Jüngstes Gericht

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