Berufsunfähigkeitsversicherungen: Im Stich gelassen …


In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitschrift die Zeit (3. Januar 2013) befasst sich das Dossier mit der Leistungsbereitschaft oder besser „Nicht- Leistungsbereitschaft“  großer Versicherungsgesellschaften. Wenn ich mich als Finanz- und Versicherungsmakler hierzu äußere, besteht natürlich immer die Gefahr, dass ich parteiisch dazu Stellung beziehe. Ich werde versuchen, nicht parteiisch zu sein.

Natürlich ist mir bekannt, dass man Themen am besten durch emotional belegte bildhafte Geschichten vermittelt. Und ich halte dieses auch mit Einschränkungen für legitim, wenn zugleich ergänzend wesentliche Fakten dargestellt werden. Leider ist dies in dem Dossier der „Zeit“ nicht vollkommen gelungen.

Die genannten Fallbeispiele sind gravierend, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass dies nicht die einzigen Fälle sind. Ob sie repräsentativ sind, ist eine andere Frage. (Einige Punkte möchte ich weiter unten aus meiner Erfahrung und Kenntnis ergänzen.) Aber es geht hier nicht um uns als Versicherungsmakler, sondern um Sie als potentielle Versicherungskunden. Der Themenbereich Absicherung der Arbeitskraft ist komplex und es gibt durchaus unterschiedliche Alternativen, sich hier abzusichern. Üblicherweise steht  die Berufsunfähigkeitsversicherung im Vordergrund. Vereinfacht gesagt leistet diese Versicherung, wenn Sie voraussichtlich dauernd krankheits- oder unfallbedingt nicht mehr in der Lage sind, aus Ihrem Beruf Einkommen zu beziehen. Bereits hier wird es aber schon kompliziert. Denn es gibt zum einen unterschiedliche Klauseln, ab welchem Grad der Beeinträchtigung geleistet wird. Zusätzlich gibt es auf den ersten Blick wenig verständliche Klauseln wie konkrete und abstrakte Verweisung.  Es geht weiter: was geschieht, wenn Sie im Laufe der Versicherungsdauer den Beruf wechseln?

Noch wesentlicher scheint mir:  Bei einem Eintritt des Versicherungsfalles lässt es sich wohl nie hundertprozentig vermeiden, dass ein subjektives Element auftritt. Hiermit meine ich, inwieweit die begutachtenden Ärzte zu dem Schluss kommen, dass die gesundheitliche Beeinträchtigung zu einer X-prozentigen Berufsunfähigkeit führt. Wenn Ärzte hier unterschiedlich gutachterlich entscheiden, ist dies für mich ein subjektiver Faktor, ganz abgesehen davon, dass der Versicherte die Beeinträchtigung objektiv aber naturgemäß auch subjektiv erlebt. (Zwischenbemerkung: Ich unterstelle hier keinesfalls, dass es sich bei den in dem Zeitartikel genannten  Fällen nicht um sehr ernsthafte „Fälle“ handelt, wo der gesunde Menschenverstand eine Leistungsbereitschaft fordern muss. Also keine Entschuldigung der in dem Artikel genannten Gesellschaften!)

Möchte man selbst als Versicherungsnehmer den Einfluss dieses subjektiven Faktors vermeiden oder minimieren, so ist zu überlegen, ob nicht so genannte Dread-Disease-Versicherungen (Versicherung für den Fall schwerer Erkrankungen) eine Alternative darstellen können. Leistungsvoraussetzungen der Dread-Disease-Versicherungen sind der Eintritt bestimmter und genau beschriebene Erkrankungen. Es wird also nicht gefragt, wie hoch der Grad der Beeinträchtigung dieser Erkrankungen in Hinblick auf die Fähigkeit, den Beruf auszuüben ist. Entscheidend ist die Diagnose und diese unterliegt (hoffentlich) weniger subjektiven Einflüssen.

Eine weitere Möglichkeit bietet die so genannte Grundfähigkeitsversicherung. Auch hier wird nicht darauf abgestellt, inwieweit die Berufsausübung beeinträchtigt ist. Die Grundfähigkeitsversicherung leistet, wenn zum Beispiel eine Erblindung eintritt oder die Ausübung bestimmter motorischer Tätigkeiten, wie das Gehen, nicht mehr möglich ist. Hier mag allerdings der mögliche subjektive Faktor bei der Beurteilung etwas größer sein als bei der Dread-Disease-Versicherung.

Weiterhin gibt es Versicherungskombinationen, wie zum Beispiel Multirenten. Diese kombinieren Dread-Disease-Versicherungen, Grundfähigkeitsversicherungen, Pflege- und Unfallversicherungen. Durch die Kombination ist klar, dass je nach Konstellation der subjektive Faktor kleiner oder größer sein kann.

Es sollte aber klar sein, dass im Idealfall die Berufsunfähigkeitsversicherung („wenn Sie denn leistet“) den umfassenderen Schutz bietet. Dass eine Berufsunfähigkeitsversicherung tatsächlich auch leistet, könnten wir aus unserem relativ kleinen Versicherungsbestand gut belegen. Aber dies mag dann genauso wenig repräsentativ sein wie die in dem Artikel genannten Beispiele, und deswegen verzichte ich hier auf weitere Details.

Einige Anmerkungen zu dem Artikel aus „Der Zeit“ möchte ich aber machen:

“ Die meisten Menschen haben für solche Schicksalsschläge vorgesorgt, … sie haben eine Unfallversicherung abgeschlossen meist auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung…“

Den Begriff „meisten“ verstehe ich so, dass die Quote über 50 % liegen sollte.  Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) spricht von einer Quote von 25%. Das Marktforschungsinstitut YouGov kommt ebenfalls auf eine Quote von 25% (1). Dann wären es nicht die meisten Menschen. Die Aussage in dem Artikel suggeriert, als würden die Gesellschaften bewusst dort Ihrer Pflicht nicht nachkommen, wo ein zentrales Grundbedürfnis besteht. Es bleibt zwar schlimm genug, wenn auch nur einem einzigen Menschen in der Not nicht geholfen wird.Aber dennoch stellt das Zitat nicht den tatsächlichen Sachverhalt dar. Was ist der Grund für diese Aussage? Die Darstellung der Einzelfälle an sich rufen doch ausreichend Empörung hervor. Berechtigt.

Der zitierte Versicherungsmakler bezeichnet eine Versicherungsgesellschaft als „aggressiv“ eine andere als“ Chaotenladen“.

Diese beiden Äußerungen halte ich in meiner norddeutschen Art für inhaltlich relativ wenig konkret und ebenfalls sehr subjektiv geprägt. Was nun aber gar nicht geht, ist die Aussage, dass die Versicherungsprodukte für einen Fachmann einen undurchdringlichen Dschungel darstellen. Zum einen gibt es relativ ordentliche EDV-Vergleichsprogramme, um einen ersten Überblick zur Selektion zu gewinnen, und zum anderen sollte es für einen Fachmann möglich sein, Versicherungsbedingungen zu verstehen.Wer wird eigentlich mit dieser Aussage disqualifiziert?

Weiter heißt es, dass letztendlich die Regulierung des Versicherungsmarktes dazu geführt hätte, dass Gesellschaften aufgrund des starken Wettbewerbes (und damit zu preiswert kalkulierten Versicherungsangeboten)  Rückstellungen möglicherweise in Milliardenhöhe bilden müssten und aus diesem Grunde sich sehr  restriktiv bei der Schadenregulierung verhalten.

Diese Aussage kann ich nicht abschließend kommentieren. Ich würde dieses Argument aber nur dann voll umfänglich gelten lassen können, wenn die Versicherungen keine Rückversicherungen abgeschlossen hätten. Meiner Kenntnis nach könnte dies aber häufiger der Fall sein.

Fazit: Die in dem Artikel geschilderten Fälle können zu Recht Empörung hervorrufen. Das Bild, welches um diese Fälle herum geschildert wird,  erlaubt es aber nicht daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen. Dazu wären etwas mehr Fakten notwendig. (Trotz allem bleibt „Die Zeit“ eine meiner Lieblingszeitschriften)  

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Anmerkung.

(1) Quellen zum Umfang der Absicherung gegen Berufsunfähigkeit (Ich bin zwar mit dem Umfang des hier genannten Datenmaterials auch nicht zufrieden. Aber sie bieten zumindest einen Indikator, dass eben nicht die meisten Menschen eine Berufsunfähigkeitsversicherung besitzen)

GDV Lebensversicherungen in Zahlen vom 21.06.2012

YouGov  Berufsunfähigkeitsversicherung: Viele Deutsche können sich baldigen Abschluss vorstellen

4 Gedanken zu “Berufsunfähigkeitsversicherungen: Im Stich gelassen …

  1. Finde den Artikel auch sehr gut!

    Ich kann mir dann nur nicht erklären wie die Stiftung Warentest bei einem Test den Top-10 der Anbieter dann ein „sehr gut“ geben kann?!

    Quelle: http://www.test.de/Berufsunfaehigkeitsversicherung-Die-besten-Angebote-im-Test-4245103-0/
    Kostenfreie Zusammenfassung zur Quelle: http://www.bu-versicherung-testsieger.de/

    Hat sich da seit 2012 so viel verändert oder ist im Einzelfall dann doch kein Testurteil verlässlich, wenn es hart auf hart kommt?

    Ich bin gerade ein bisschen unsicher ob ich mich jetzt noch für eine BU entscheiden soll. Danke auf jeden Fall für den Beitrag.

    Grüße, Ingrid.

    1. Liebe Frau Rothschild,
      danke für Ihren Kommentar. Finanztest hat die Gesellschaften nicht primär nach dem Verhalten im Leistungsfall beurteilt, sondern nach folgenden Kriterien bewertet:
      Endalter/versicherbare Berufe 10%
      Antragsfragen 20%
      Versicherungsbedingungen 70%

      Wie häufig es bei den Gesellschaften zu Ablehnungen und/oder Gerichtsverfahren kommt, wird für das Testergebnis nicht berücksichtigt. So hat z.B. die Hanse Merkur (Platz 4 im Test) eine Leistungsquote von 58,40% (Quelle: morgen&morgen 04/2013)und eine Prozessquote von 8,46%. Die Generali (Platz 2) kommt auf eine Leistungsquote von 73,86% und eine Prozessquote von 5,32%.

      Doch die Leistungs- und Prozessquote ist nicht allein aussagekräftig.
      Die meisten Streitfälle entstehen sicherlich durch nicht korrekte Angaben zu den Gesundheitsfragen (Hier ist der Vertrieb mit entscheidend: Wenn der Vermittler nicht fair und ordentlich arbeitet, hat später der Kunde das Problem – nicht der Vermittler), den Tätigkeiten im Beruf und Fehler bei der Beantragung der Rente (auch hier ist eine gute und faire Betreuung der Kunden nach Vertragsabschluss ausschlaggebend).

      Sehr hohe Leistungsquoten haben z.B. die Swiss Life und die Condor. Die Condor hat z.B. in den Bedingungen gesichert, dass bei einer voraussichtlich 6 Monate andauernden Arbeitsunfähigkeit (Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung/“gelber Schein“) bereits die Berufsunfähigkeitsrente gezahlt wird.

      Bei einigen Berufen gibt es Alternativen, wie z.B. die Dread Disease-Versicherung oder Multi-Rente.
      So können Psychotherapeuten mit vielen Beeinträchtigungen weiter arbeiten, sie benötigen das Gehör und die Stimme für ihren Beruf. Da kann eine Berufsunfähigkeit aufgrund eines Bandscheibenvorfalls schon zum Streit führen.

      Grundsätzlich ist die Berufsunfähigkeitsversicherung die erste Wahl. Je nach Beruf, Vorerkrankungen und auch die Prämienhöhe kann aber eine alternative Absicherung in Frage kommen. Dies sollte im Einzelfall besprochen werden, um eine gute Entscheidung zu treffen.

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