Standesberufe: Wie eine privilegierte Altersversorgung über Versorgungswerke zum Risiko werden kann


Sind die Renten von 800.000 Freiberuflern tatsächlich in Gefahr? Die Zeitschrift Capital nimmt sich aktuell dieses Themas an und weist auf die Gefahren des aktuell niedrigen Zinsniveaus hin. Wenn diese Gefahr zutrifft, zeigt sich einmal mehr, welche Gefahren vormals als sicher angesehene Geldanlagen (Rentenpapiere, also in der Regel festverzinsliche Papiere) beinhalten, wenn deren Zinsniveau auf eine minimale Größe gesunken sind:

  • die niedrigen Zinsen erbringen zunächst einmal deutlich geringere Erträge als in der Vergangenheit kalkuliert
  • ein zusätzliches Risiko entsteht, wenn das Zinsniveau wieder steigen sollte, denn dann erleiden die „alten“ festverzinslichen Papiere Kursverluste (je nach Umfang der Steigerung können diese Kursverluste ein Niveau erreichen, welches man sonst nur aus Aktienanlagen kennt)

Der Umfang dieser ehemals sicheren Geldanlagen ist bei den Versorgungswerken beachtlich:

Quelle: AVB
Daten per 31.12.2009

Bisher waren die Versorgungswerke bekannt für Renten, deren Höhe zum Teil sehr deutlich über den möglichen Renten der gesetzlichen Rentenversicherungen lagen (1). Zum Teil mag dies dadurch bedingt sein, dass bei der Gründung alle dem Kammerbereich zugehörigen Freiberufler Pflichtmitglieder wurden, aber bei Gründung und Jahre danach kaum Renten zu zahlen waren, weil eben noch keine Anwartschaften erworben waren. Somit kamen Freiberufler in den Genuss einer häufig kapitalgedeckten Rente und der aus der gesezlichen Rentenversicherung bekannte Generationenvertrag (der potentiell nur deutlich geringere Renten ermöglicht) hatte hier keine Relevanz.

Mit einigen wenigen Ausnahmen (es gab ja durchaus schon Rentenkürzungen bei Versorgungswerken) waren es goldene Zeiten für Freiberufler. Bis dann die in 2008 die Bankenrettung notwendig wurde, was zwingend niedrige Zinssätze erforderte und dies im zetlichen leicht versetzten Zusammenhang  damit, dass der Markt „entdeckte“, dass doch die Verschuldung in vielen Länder Europas zu hoch sei.

Nun gibt es zwei wesentliche Probleme, die nur wenig diskutiert werden:

  1. Wie kann man es schaffen, dass Zinsniveau zu erhöhen, ohne dass dies wiederum negativ Folgen für Banken, Staatsverschuldung und damit auch die reale Wirtschaft hat? (Vielleicht wird einfach darauf gehofft, ähnlich wie Japan einige Jahre über die Runden zukommen)
  2. Welche Chancen haben die Versorgungswerke in einem möglicherweise notwendigen Übergang zu einer Solidargemeinschaft und welche Risiken bestehen?

Zu 1.) Diese Frage wird zumindest öffentlich nicht oder kaum diskutiert .Vielleicht wird einfach darauf gehofft, ähnlich wie Japan einige Jahre über die Runden zukommen.

Zu 2.) Generell kann gesagt werden, dass eine Solidargemeinschaft um so besser einen Ausgleich darzustellen kann, je größer sie ist. Die offiziellen Zahlen der ABV aus dem Jahr 2009 zeigen da ein nicht sonderlich ermutigendes Bild.

Quelle: ABV
Alle Zahlen beziehen sich auf den 31.12.2009. Die tatsächlichen Durchschnittszahlen für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte sind zum Teil geringer, weil es 4 hier nicht betrachtete Versorgungswerke gibt, in denen es berufsüberschneidende Mitgliedsberufe gibt.

Diese Aussage muss aber ergänzt werden um die Altersstruktur. Ohne an dieser Stelle näher auf die spezifische Alterstruktur der jeweiligen Versorgungswerke einzugehen, kann vermutet werden, dass es auch hier ein demographisches Problem gibt.

Vermutlich noch wichtiger ist der Grad der Homogenität der jeweiligen Solidargemeinschaft. Eine Solidargemeinschaft die viele unterschiedliche Berufsgruppen enthält ist weniger von möglichen Einkommensrückgängen betroffen, als eine Solidargemeinschaft, die nur aus einer Berufsgruppe besteht (Im Umkehrschluss kann eine sehr homogene Gruppe natürlich besser darstehen, wenn zu dieser Gruppe keine Geringverdiener gehören)

Hier ergibt sich aber noch eine weitere Besonderheit für Versorgungswerke der Freiberufler/Kammerberufe. Sollte sich aus irgendeinem Grund ergeben, dass die Einkommen sinken, kann ein Freiberufler, der in einem Kammerberuf tätig ist, nur relativ wenig Massnahmen treffen, um seine Einkommenssituation zu verbessern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Sinkt der Umsatz wird ein freier Unternehmen versuchen durch Werbung oder Erweiterung des Dienstleistungsangebots seinen Umsatz zu steigern. Nur bestehen für viele Kammerberufe umfassende Einschränkungen.

Fazit: Wenn die aktuelle wirtschaftliche Situation nicht zu so massiven Verlusten auch bei der Altersversorgung führen könnte, müsste man beinahe fasziniert davon sein, welche weitreichende Folgen eine Lehman-Pleite auch noch in Zuknft haben kann. (Dies erinnert etwas an die Folgen des Flügelschlags eines Schmetterlings, wie dies in der Chaos-Theorie beschrieben wird).

Plötzlich stellt sich die Zukunft in vielerlei Hinsicht gänzlich anders dar. Die logische Folgerung für die Betroffenen sollte dann darin bestehen, bisherige Strategien in Frage zu stellen. Und dabei helfen unsere regelmässigen Veranstaltungen.

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(1) So nennt die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen e.V. für das Jahr 2009 eine durchschnittliche Rentenhöhe von 3.814 Euro

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