3,3 Billionen Euro – war das die wesentliche Aussage des Sachverständigenrats?


Das musste ich erst mal verkraften: Am Montag morgen hieß es im Handelsblatt Morningbriefing: „3,3 Billionen Euro könnte ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen der Eurozone kosten, hat der Sachverständigenrat berechnet“.

3,3 Billionen ist tatsächlich eine Aufmerksamkeit erweckende Größe, liegt sie doch signifikant über unserem jährlichen Bruttoinlandsproduktion (das hieße ja vereinfacht gesagt: Eurozone scheitert und mehr als ein Jahr arbeitet Deutschland umsonst). Also erst mal googeln, was die Welt so sagt: Die FAZ formulierte schon vorsichtiger :„Für Deutschland wäre ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen des Euro-Raums mit hohen Risiken verbunden“. Natürlich habe ich auch gleich einen Anlageberater gefunden, der auf den Zug aufgesprungen ist und war fast neidisch, wie schnell „Kollegen“ Informationen verarbeiten können. Vielleicht hätte er aber besser Informationen tatsächlich verarbeiten sollen, statt aus Schlagzeilen nur Verkaufsangebote herzuleiten.

Wer das Sachverständigengutachten liest, entdeckt sehr schnell, dass die 3,3 Billionen die Gesamtforderungen sind, die Deutschland gegenüber dem Euroraum hat (inklusive TARGET2). Wie aber kann man unterstellen, dass bei einem Auseinanderbrechen der Eurozone alle Forderungen wertlos sind? Wäre dies so, so würde dies in einer Kettenreaktion auch zu Insolvenzen innerhalb Deutschlands führen und der Schaden wäre wesentlich höher. Nur diese Berechnung erscheint doch sehr unrealistisch. Und insoweit ist es gut, dass der Sachverständigenrat hierzu keine Szenario-Berechnungen erstellt hat.

Und schon sind wir bei der Frage, ob der Sachverständigenrat in seinem Sondergutachten überhaupt Szenario-Berechnungen erstellt hat? Für mich war dies auch nach zweimaligem Lesen nicht erkenntlich.

Ich schimpfe ja ab und zu gern über Politiker. Hier muss ich aber feststellen, dass die Politiker doch sehr von der Wissenschaft in Stich gelassen wird.

Konkrete „Modell basierte Zahlen“, wie hoch die Kosten eines Auseinanderbrechen des Euroraums wären und welche Kosten Alternativszenarien verursachen würden, finden sich nicht. Vielleicht haben dies die Verfasser selbst gemerkt und deshalb einige historische Zahlen zu (vergleichbaren?) Schulden-, Währungs- und Bankenkrisen genannt (S. 26 des Gutachtens). Mir ist das zu wenig: wenn Vergleiche gezogen werden, sollte auch erläutert werden, warum die jeweiligen Situationen vergleichbar sind.

Sollte es aber unmöglich sein, Modelle zu berechnen, so muss dies gesagt werden. Warum muss dann eine nichtssagende Zahl von 3,3 Billionen genannt werden? Wie wäre es, wenn die Wissenschaft etwas Ruhe in diese angespannte Situation bringt?

Wie könnte dies erfolgen?

  • Pro und contra Argumente nennen
  • Modellberechnungen mit ceteris paribus Bedingungen
  • Klar benennen, was Fakt, Meinung und Vermutung ist

________________________________________________________________________________

Nachtrag:

Die Fakten, Argumentationsketten (soweit vorhanden) und Interpretationen liefern eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Viel Platz wird verwendet, um das (zugegebenermaßen) modifizierte Konzept des Schuldentilgungsfonds zu erläutern.

und noch eine kleine Bissigkeit:

ich hätte meinen Professoren keine Arbeit mit einem „derart umfassenden“ Quellenverzeichnis einreichen dürfen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s