Tradierte Ängste bewirken falsche Risikoeinschätzung


Das renommierte englische Investmenthaus Schroder (sogar die Queen soll dort Geld angelegt haben) zeigt im Wealth Barometer die Sorgen der Europäer im Zusammenhang mit der Finanzkrise auf. Von den vielen Zahlen scheinen mir zwei besonders interessant:

Das anhaltende Niedrigzinsniveau verursacht deutlich weniger Sorgen als die Gefahren einer möglichen höheren Inflation. Die Inflationsfurcht in Deutschland ist sicherlich geschichtlich – tradiert-  bedingt und möglicherweise auch deshalb größer als im europäischen Durchschnitt.

Wenn wir Inflation so stark fürchten, hat dies wahrscheinlich seine Ursache darin, dass wir damit Vermögensverluste befürchten und in Folge möglicherweise auch um unsere Altersversorge bangen.

Aktuell scheint uns aber gerade das niedrige Zinsniveau wesentlich gefährlicher. Ich vermute vielen Anlegern ist nicht bewusst, welches Risiko zum Beispiel die 10-jährigen Staatsanleihen des Bundes beinhalten.

Wer jetzt eine zehnjährige Staatsanleihe in Höhe von 10.000 Euro mit einem Zins von z.B. 1,4% kauft, erhält zwar jedes Jahr 140 Euro Zinsen und nach 10 Jahren sein Geld zurück. Aber angenommen nach 3 Jahren steigt das Zinsniveau auf 5,4% für eine deutsche Staatsanleihe mit 7 Jahren Laufzeit,so kann zu folgender Situation führen:

  • Die Anleihe verliert massiv an Wert  – Anmerkung (1) – Wer sollte das „alte“ Papier kaufen, wenn er dafür auf 4%-Punkte Zinsunterschied jährlich verzichtet? Ein neue Anleger müsste also 7 Jahre lang auf 400 Euro Zinsen verzichten. Das sind in Summe 2.800 Euro. Der Kursverlust würde also 28% betragen (vereinfachte Rechnung, Abzinsung nicht berücksichtigt).
  • Ich kenne schon, dass Gegenargument: Dann verkaufe ich eben nicht! Die Situation bleibt gleich, denn nun wird auf die Zinschancen des neuen Wertpapier verzichtet. Der Besitzer der zehnjährigen Anleihe verliert im Vergleich zu dem Neuanleger 7 Jahre lang je 400 Euro Zinsen, in Summe wieder 2.800 Euro (28%).
  • Nun kommt das letzte Gegenargument: Wer wird schon so dumm sein, solch schlechtverzinste Papiere zu kaufen? Nun zum Beispiel möglicherweise Ihre private Lebens- und Rentenversicherung.- Anmerkung 2 –

Wie sähe eine „richtigere“ Angst aus?

Sollte die Angst vor der Inflation berechtigt sein (aber das ist ein anderes Thema), müsste die Angst vor dem niedrigen Zinsniveau noch größer ausfallen, denn häufig (nicht immer zwangsläufig) geht mit einer steigenden Inflationsrate ein steigendes Zinsniveau einher. Steigende Inflationsraten lassen also die Wahrscheinlichkeit hoher Verluste bei festverzinslichen Wertpapieren steigen.

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Anmerkungen:

(1) Kursveränderungen bei festverzinslichen Wertpapieren hängen nicht ausschliesslich von Änderungen des Zinsniveaus ab. So können z.B.positive Bonitätseinschätzungen dem entgegenwirken. Aber wer wird die Bonität Deutschlands höher einschätzen, wenn die Inflation zunimmt.

(2) Dieses Thema wurde bereits vielfach in der Presse behandelt. Eine kleine Linksammlung finden sie hier.

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Nachtrag 3.7.2012 Wie instituionelle Anleger denken

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